8. Moonwalk to Neverland

oder
Die Suche nach einer verlorenen Zeit


„Es ist bloß“, erklärte er leise, „weil Vater und Mutter so
 geredet haben, was ich werden soll, wenn ich groß bin.“
James Matthew Barrie, Peter Pan
...Schwermut, die unwiderstehlich in den Abgrund der Kindheit hinunterzog.
 Th. W. Adorno
Und doch möchte man gebunden sein und ängstigt sich vor der Einsamkeit.
Johs. Brahms

Die beiden Markenzeichen, die die Figur des Jacko am deutlichsten markieren, sind - der Moonwalk und der Griff in den Schritt. Die Symbolik des einen liegt buchstäblich „auf der Hand“: Es ist das abschließende Résumé der Ungezogenheit, der freche Bengel als Handbewegung. Der Moonwalk dagegen ist optisch zu verblüffend, um noch nach einem tieferen Sinn zu suchen. Sinnbildlich ist er aber: Dieser Vormarsch ist ein Rückzug. (Am Schluß unserer Erzählung werden wir aber fragen dürfen, ob dieser Rückzug nicht doch eher - ein Vorstoß ist.)

In der Jacko-Figur hatte Michael Jackson den archimedischen Punkt gefunden, von dem aus er sein bisheriges Universum aus den Angeln heben konnte. Bislang hatte die Bühne ihn beherrscht. Von nun an beherrscht er sie. Der Jacko ist nicht bloß ein Kostüm; er macht ihn, wie Count Basie empfohlen hatte, zur öffentlichen Institution. Er ist selber eine Realität und gibt ihm das, worum er so lange gekämpft hatte: control.

Im Jahr 1983 ist Thriller ganze siebenunddreißig Wochen lang die Nummer 1 der Billboard Album Charts gewesen. Und als der Umsatz gegen Jahresende dann doch nachließ, kam - genau ein Jahr und einen Tag nach dem Album - der Videoclip zum Titelsong heraus. Die dritte Welle der Thriller-Manie brach los. In den drei folgenden Monaten wurden allein in den USA weitere siebeneinhalb Millionen Alben verkauft.

Man möchte sagen, mit dem Thriller-Kurzfilm sei das Musik-Video neu erfunden worden. Jedenfalls wurde es in den Rang einer eigenen Kunstform gehoben. Es war allerdings nicht Jacksons erster Beitrag zu diesem damals noch jungen Genre. Filmische Umset-zung hatte von Anfang an zur Gesamtkonzeption des neuen Albums gehört. „Ich war entschlossen, diese Musik so visuell wie möglich zu präsentieren.“ Einerseits hatte das Fernsehen dem Radio den Rang als wichtigstes Kommunikationsmedium längst abgelaufen. Kein Popsong kann heute auf Erfolg hoffen, der nicht per Videoclip im Fernsehen verbreitet wird. Das stellte die Musikindustrie vor eine neue Herausforderung. Andererseits ist die schwarze Musik zu allererst Ausdruckskunst. Sie ist Performance. Das kann der Tonträger nur unzureichend wiedergeben: Die Rhythmik muß auch sichtbar werden. Erst das Video öffnete der schwarzen Musik den Weg rund um den Globus. Wieder war Michael Jackson bahnbrechend.

Die ersten Musikclips waren lieblos gemacht und ohne Phantasie. Man heftete an die Musik beiläufig ein paar Bilder an, die schlecht und recht hinterdrein stolperten. Daß da eine neue Kunstform entstand, wurde zunächst nicht erkannt. „Ich konnte nicht verstehen, warum so viele Clips so primitiv und so schwach waren“, schreibt Michael. „Also wollte ich ein Pionier in diesem noch recht jungen Medium sein und die besten Musikfilme machen, die möglich waren. Ich wollte einen Clip, der den Zuschauer auf seinem Stuhl festnagelte und den er immer und immer wieder ansehen wollte.“ Eine Kunstform für Augen und Ohren gleichermaßen.

Damals begann sich in der Fernsehreklame ein neuer Typus von Werbespots durchzusetzen: Die Bilder sollen in Sekundenschnelle eine kleine Geschichte  erzählen - wobei es auf einen erkennbaren Zusammenhang mit dem angepriesenen Produkt weniger ankommt als auf eine verblüffende Pointe. Das Werbefernsehen zählt, o Graus, zu den bevorzugten Kunstgenüssen zeitgenössischer Kinder. Das bürgt für seine Qualität. Mitunter verselbständigt sich gar der Spot und wird erfolgreicher als das Produkt, das er vertritt. Das ist dann Kunst, die sich durchsetzt. Nicht immer, aber immer öfter...

Als Regisseur für Billie Jean, das erste Video aus der Thriller-Serie, engagierte Michael Jackson daher einen erprobten Werbefilmer: Steve Baron. Sein Film illustriert nicht die Musik, sondern erzählt eine Geschichte. Aber mit dem Text des Liedes (wo Michael bestreitet, der Vater von Billie Jeans Kind zu sein), hat sie nichts zu tun! Sie zeigt - damals schon - Michael Jackson, der von einem Schnüffler (Reporter? Detektiv?) verfolgt wird und sich immer wieder in Nichts auflöst - das Ganze in mysteriös verhangenen Bildern und rhythmisierten Sequenzen. Baron wollte keine Tanzeinlagen, aber Michael bestand darauf: Das war's, was die Leute sehen wollten. Der Stilwandel von Motown 25 deutet sich schon an: Wirkte er bis dahin wie ein Abziehbild aus dem Pop-Katalog, wird er hier erstmals zu einer gebrochenen, fast zwielichtigen Figur.

Der zweite Streich war Beat It, inszeniert von Bob Giraldi - kein Werbemann, sondern schon ein Hollywood-Regisseur. Diesmal paßt die Geschichte zum Lied. Zwei Straßengangs ziehen gegeneinander ins Feld, doch als sie aufeinandertreffen, tritt Michael dazwischen und verwickelt sie in einen wilden Tanz, die Schlacht fällt aus. Für die Aufnahmen „holten wir uns einige der härtesten Banden von Los Angeles und ließen sie in dem Video auftreten. Nun hatte ich mit wirklich harten Burschen bisher ja nicht viel zu tun gehabt, und da wirkten diese Jungs auf mich anfangs mehr als einschüchternd.“ Und unser Autor gibt zu: „Ich habe mich immer gefragt, ob sie den Song so verstanden, wie ich ihn gemeint habe.“ Ach du argloser Michael. Sollte die Zweideutigkeit deines Clips keine Absicht sein? Es ist für den Zuschauer auch heute noch fraglich, ob die wüste Tanzorgie am Schluß wirklich ein Lob auf Harmonie und Frieden sein soll, oder nicht doch eher eine ästhetische Stilisierung des Straßenkampfs. To beat it bedeutet umgangssprachlich „abhauen“. Aber wörtlich genommen, hieße es eher „zuschlagen“...

Beide Clips setzten neue Maßstäbe. Michael Jackson war zum King des Videoclips geworden. Dem zollte die Branche Tribut. Der Fersehsender MTV, der seit 1981 rund um die Uhr Musikvideos ausstrahlt, hatte sich bis dahin gesträubt, Stücke von schwarzen Künstlern zu senden: Sein Publikum säße in den weißen Vororten, dem könne man mit schwarzer Kunst nicht kommen. Das ließ sich nach Billie Jean und Beat It nun nicht mehr aufrechterhalten. Michael Jackson durchbrach das, was damals als Boykott der schwarzen Musiker durch MTV aufgefaßt wurde - und seither war davon nie wieder die Rede. Crossover ist eben mehr als eine Stilfrage. Es ist auch ein kulturpolitisches Programm. 

Und nun also Thriller. Als Regisseur wurde John Landis gewonnen, der sich Michael mit seiner Horror-Persiflage Ein amerikanischer Werwolf in London empfohlen hatte. Nur ein Musikclip? Das war ihm zu wenig. Er wollte something more elaborate – „etwas richtig Ausgearbeitetes“; und das wollte Michael auch. Der Streifen dauert vierzehn Minuten - mehr als doppelt so lange wie das Lied. Für die Gruseleffekte war der Maskenbildner Rick Baker verantwortlich. Inzwischen haben wir uns an Computersimulationen aller Art gewöhnt, und schon die Kinder sind abgebrüht. Aber damals haben viele vor Angst gekreischt, als der sanfte Michael im Vollmondschein zu einer fauchenden Wildkatze mutierte! Das Kernstück des Kurzfilms ist Michaels „zornig“-groteske Tanznummer mit einer Chorus-Line von Untoten: Der Stil von Motown 25 wird kanonisiert.

Die endgültige Fixierung der Jacko-Figur geschah freilich nicht in der Choreographie, sondern im Dramaturgischen. Denn immer, wenn im Film nach bewährtem Hollywood-Rezept eigentlich die Liebesszene folgen müßte, fängt Michael an zu zucken und zu würgen, und der nette Junge von nebenan verwandelt sich in eine schreckliche Bestie. Ola Ray - so heißt seine Partnerin - is not my lover! Doppeldeutigkeit ist von nun an sein Programm, und es frappiert, wie ihm die knabenhafte Unschuld ebenso zu Gesicht steht wie das anzügliche Grinsen des blutdürstenden Unholds. Berühmt - und im Nachhinein pikant - ist folgender Dialog:

Er: I've something to tell you.
Sie: Yes, Michael?
Er: I'm not like other guys.
Sie: Of course, that's why I love you!
Er: No, I mean, I'm different.

Auf die Spitze getrieben wurde die Zwieschlächtigkeit des neuen Images durch eine kommerzielle Verlegenheitslösung. CBS hatte die Produktionskosten für Michaels Videos nicht mehr tragen wollen. Beat It sollte schlieálich 150 000 $ kosten, das war der Plattenfirma (damals) entschieden zu viel; alle weiteren Clips mußte Michael selbst finanzieren. Um das Geld wieder reinzuholen, wurden alle drei Stücke zusammengepackt und als Kassette zum Verkauf angeboten. Doch drei Musikclips sind ein bißchen wenig für eine ganze Video-Kassette, und um sie Sache aufzurunden, schlug John Branca vor, noch eine Dokumentation über die Dreharbeiten zu Thriller hinzuzufügen; wie sich zeigen sollte, ein genialer Einfall. The Making Of Michael Jackson's Thriller wurde, mit über einer Million verkauften Exemplaren, zum erfolgreichsten Musikvideo aller Zeiten, und das Rezept hat Schule gemacht. Am besten paßt es aber immernoch zu seinem Erfinder: Man sieht ihn mal im Vorder-, mal im Hintergrund hopsen, albern und rumtoben wie auf dem Pause-hof. Dann wieder bleibt er - ganz Profi - auf ein Fingerschnippen festgenagelt da stehen, wo ihn der Regisseur haben will. Ohne Starallüren, dabei rück-ichtsvoll gegen die Kollegen, Künstler wie Techniker, und immer noch ein bißchen aufgeregt, während er auf das Zeichen für seinen Einsatz wartet. Man bekommt einen Geschmack davon, „wie er in Wirklichkeit ist“: Es sind zwar keine intimen Blicke durchs Schlüsselloch, aber gestellt ist es auch nicht. Man kann es sehen: Der ist wie ein Kind. Aber er ist auch ein unerbittlicher Arbeiter, der genau weiß, was er will.

Nach dem Grusel-Video ging Michaelmania überhaupt erst richtig los. In den Billboard-Charts beendete Thriller das Jahr da, wo es begonnen hatte: auf Platz eins; einer der vielen Rekorde, die er von nun an in Serie produzieren wird und die man gar nicht aufzählen kann. Nur einer sei hier noch erwähnt, weil Michael so viel daran gelegen war: die acht Grammy Awards vom 28. Februar 1984. Welch glorreiche Revanche für das enttäuschende Abschneiden von Off The Wall! Sieben davon für Thriller und seine Singles. Den achten Grammy, auf den er „am stolzesten“ war, erhielt er für The E.T. Storybook - als Beste Schallplatte für Kinder. Und ins Guiness-Buch der Rekorde hatte man Thriller inzwischen auch eingetragen! Sogar die Druckmaschinen hatte der Verlag anhalten lassen, um Michaels Triumph in die aktuelle Neuausgabe nachzutragen.

Während all der Monate, wo Thriller die Hitliste anföhrte, lag bei CBS bereits ein weiteres Jackson-Produkt auf Halde: Victory, das neue Album von The Jacksons. Ach, auch als Jacko, der er inzwischen geworden war, gehörte Michael vertraglich ja immernoch zu einem Familienunternehmen! Mit dem Fortgang von Motown war Joe Jackson wieder zum wirklichen, nicht bloß nominellen Manager seiner Söhne geworden. Doch nachdem er sich von Berry Gordy hatte austricksen lassen, mochte er sich gegenüber dem mächtigen CBS-Konzern doch nicht mehr ganz auf sein eigenes Talent verlassen. Er hatte sich das Erfolgs-Duo Ron Weisner und Freddy DeMann als Partner geholt. Solange der Vertrag mit seinem Vater - und folglich der mit Weisner/DeMann - noch lief, war Michael nicht sein eigener Herr; andere konnten für ihn Engagements treffen. Gefallen hat ihm das nicht, aber als Profi hält er sich an Verträge. Dem Victory-Album merkt man an, daß es nicht aus Begeisterung geboren ist. Auch eingefleischte Fans reden über die merkwürdige Platte nur in verlegenem Ton. Es ist, anders als seine Vorgänger, keine Gemeinschaftsarbeit. Jeder der Brüder (außer Jermaine) hat seine eigenen Stücke beigesteuert - probeweise, wie es scheint. Die Gruppe Toto hat hier und da mitgeholfen, aber wozu? Es klingt doch, als hätten sich alle einer lästigen Pflicht entledigt. Nur zwei Stücke sind erwähnenswert. Erstens State Of Shock, komponiert von Michael - und sein einziges Duett mit Mick Jagger. Es klingt auch eher nach Rolling Stones als nach Jackson-Funk. Wer's mag... Übrigens bekommt es Mick Jagger - wie schon Paul McCartney - nicht besonders, sich dem direkten Vergleich mit Michael Jackson auszusetzen. „Der kann ja nichtmal die Tonart halten“, sagte Michael später. (Ursprünglich war Freddy Mercury, der inzwischen verstorbene Lead-Sänger von Queen, als Duettpartner vorgesehen. Angeblich hatten sie schon früher zwei oder drei Stücke zusammen eingespielt, aber veröffentlicht wurde bislang nichts.) Das zweite Stück, das - aber nur der Kuriosität halber - zu erwähnen wäre, ist Be Not Always; auch von Michael. Ein sentimentales Klagelied ohne Rhythmusgruppe. Eine akustische (nicht elektrisch verstärkte) Gitarre, eine Bratsche und - eine Harfe: das ist die ganze Begleitung für Michaels absichtsvoll brüchigen Gesang. Wenn das ein Versuch sein sollte - er ist miálungen. (Michael hat das Stück später auch nie wieder erwähnt.)

Als Victory schließlich am 2. Juli 1984 herauskam, war es dennoch ein Erfolg. CBS hatte abgewartet, bis sich die Verkäufe von Thriller etwas normalisierten. Das Album hat von Michaelmania profitiert. Man war noch bereit, kritiklos alles zu bejubeln, was aus der Jackson-Ecke kam. Und das Duett mit Mick Jagger kam immerhin auf Platz drei der Single Charts - schon wegen der Sensation.

Mittlerweile waren aber entscheidende Veränderungen in der Firma Jackson eingetreten. Im Frühsommer 1983 hatte Michael seinen Vater gefeuert! Der Vertrag mit Weisner/DeMann war im März ausgelaufen, es hatte zum Schluß noch viele Spannungen gegeben. Auch Michael war mit ihnen unzufrieden: Als er keine Lust hatte, bei Motown 25 aufzutreten, hatten sie ihn in seiner Ablehnung bestärkt. Aber wozu hat man Manager? Fehler kann man alleine machen. Den Manager braucht man, um einen daran zu hindern. Nicht auszudenken, wenn Michael damals ihrem Rat gefolgt wäre... Also verlängerte er ihren Vertrag nicht. Aber auch sein Vertrag mit Joe (die Jackson-Kinder nennen ihren Vater nie Dad) lief kurz darauf aus. Daß auch er entlassen würde, damit hatte Joe Jackson nicht gerechnet. Waren denn seine Jungs ohne ihn nicht just nuthin'? Was da im einzelnen alles passiert ist, liegt im Dunkeln. Es kam wohl manches zusammen. Joe Jackson wußte sich nicht anders zu helfen als mit einer öffentlichen Beschimpfung von Weisner und DeMann, in der auch rassistische Akzente nicht fehlten. Die beiden sind nicht nur weiß, sie sind auch jüdisch: Joe Jackson zeigte sich öffentlich als Antisemit. Michael war angewidert. „Wenn ich ihn so reden höre, dreht sich mir der Magen um“, sagte er in derselben Ausgabe von Billboard, in der Joes Ausfälle zu lesen waren. „Ich weiß nicht, wo er das herhat. Ich für mein' Teil bin farbenblind.“ Er heuere seine Leute nicht nach Hautfarbe, sondern nach Talent an. Und er hat alle drei gefeuert, die zwei Weißen und den Schwarzen. Sein Berater in geschäftlichen Dingen war nunmehr allein der Anwalt John Branca. Im März des folgenden Jahres würde er Frank Dileo aus der Werbeabteilung von Epic als seinen Manager einstellen.

Aber das Kapitel Jackso 5 ist damit immer noch nicht erledigt. Im November '83 wird eine weitere Tournee der Jacksons angekündigt - erstmals zu sechst, Jermaine ist mit dabei. Und Joe Jackson zieht wieder die Fäden! Er hat eine großartige Idee. Als Veranstalter der Victory Tour engagiert er den (seit Axel Schulz inzwischen auch in Deutschland berüchtigten) Box-Promoter Don King. Der hat zwar vom Showbusiness keine Ahnung, aber dafür umso mehr vom Geldmachen; und er hat die richtige Hautfarbe. Wieso Michael überhaupt mitgemacht hat, ist unklar. Daß er eigentlich nicht wollte, daran hat er keinen Zweifel gelassen. „Ich wollte nicht auf Tournee gehen und wehrte mich dagegen.“ Was hat ihn dann doch bewogen? Einige Brüder waren finanziell arg in der Klemme, sie brauchten die Einnahmen. Aber ausschlaggebend war wohl das Drängen der Mutter. Auch die Eltern waren wiedermal so gut wie pleite, und das traf eben nicht nur Joe, sondern auch Katherine. Ihr konnte Michael nichts abschlagen. Ohne ihn würde die Tournee nicht halbsoviel einbringen, er mußte einfach mitgehen.

Joes Hauptproblem war gelöst, nun konnte Don King loslegen. Seine Lieblingsidee war, eine Limonadenfirma als Sponsor zu gewinnen, indem man ihr zusagte, bei den Konzerten nur ihr Produkt zu verkaufen! Und er wurde fündig: Pepsi Cola war bereit, sich die Sache 5 Millionen $ kosten zu lassen. Aber da war schon das nächste Problem: Der Vegetarier und Gesundheitsapostel Michael Jackson, der selber nur Mineralwasser und höchstens mal einen Fruchtsaft trinkt, sträubte sich. „Ich selber trinke diese ... nicht“, wird er zitiert, „und ich werde ganz bestimmt keinem andern sagen, er soll sie trinken. Kindern schon gar nicht.“ Wieder mußte Katherine ran. Es dauerte nochmal ein paar Tage, dann hatte sie Michael so weit. Immerhin bestand er für sich auf einer Sonderklausel: Unter keinen Umständen werde man ihn das Zeug trinken oder auch nur eine Pepsi-Dose anfassen sehen! Ein kurioser Reklamevertrag, allerdings; aber einer mit Zukunft...    

Am 30. November wurde die Tour in New York offiziell angekündigt. Die Präsentation durch den großmäuligen Don King (er hatte Muhammad Ali gemanagt) fand Michael Jackson so verheerend, daß er ihm tags drauf schriftlich untersagen ließ, in seinem Namen zu reden, Engagements für ihn zu treffen oder Honorare für ihn entgegenzunehmen. Es war klar: Das würde kein Zuckerschlecken werden. Und tatsächlich wurde die Victory Tour nicht nur zu einem spektakulären Publikumserfolg, der mit weit über zwei Millionen verkaufter Eintrittskarten neue Maßstäbe setzte, sondern auch zu einer endlosen Kette von Skandalen und häßlichen Unregelmäßigkeiten. Immer gings irgendwie ums Geld. Nicht nur waren die Eintrittskarten unverschämt teuer, viel zu teuer für Schulkinder, Michaels liebstes Publikum; auch hatte sich Don King für den Kartenverkauf eine Art Lotteriesystem ausgedacht, wo jene Interessenten, die leer ausgingen, das bereits eingezahlte Geld erst Wochen später zurückerhielten, während die Zinsen inzwischen aufs Bankkonto der Veranstalter liefen; und das waren bei der großen Nachfrage erkleckliche Summen. Nicht nur die Zeitungen - selbst Fans fingen an, von Voracity Tour, Verfressenheits-Tournee zu reden. Nun finden Joe und die Brüder zwar, Geld stinke nicht. Aber Michael hatte so etwas zu seinem neuen Image gerade gefehlt! Am 5. Juli 1984, dem Vorabend des Eröffnungskonzerts, tat er etwas Unerhörtes: Er lud zu einer Pressekonferenz. Erst kündigte er eine Änderung des Kartenverkaufs an; und dann erklärt er, daß er von seinem Anteil am Gewinn der Tournee keinen Dollar einstecken, sondern alles für karitative Zwecke spenden werde. Seinen Brüdern, die neben ihm am Tisch saßen, stand das Maul offen.

Es wurde eine bombastische Multimedia-Show, mit belebten Monstern, Lichteffekten und einer Kaskade von Special effects - alles, was die Technik hergab. Um das Gefälle zwischen Michael und seinen Brüdern zu verdecken, unkte die Presse!  „Aber der tollste Special effect von allen ist Michael Jackson“, schrieb süßsauer der Rolling Stone, das New Yorker Kampfblatt der Alt-Rocker, das nicht gerade zu seinen Verehrern zählt...

Im Konzertprogramm fehlten merkwürdigerweise alle Stücke aus dem Album, dessen Namen die Tournee führte: Victory. War man sich über dessen Qualität einig? Oder war man sich, im Gegenteil, in allem viel zu uneinig? Bei den Dreharbeiten für das Video zu Torture, der zweiten Single-Auskoppelung, war es in New York zu einem Krach gekommen. Es war das einzige Stück, das ein bißchen an die Gemeinschaftsarbeiten der früheren Alben erinnerte: komponiert von Jackie, gesungen von Michael und Jermaine. Die beiden zerstrittenen Sänger weigerten sich, in dem Video aufzutreten. Als Ersatz für Michael mußte seine Wachsfigur herhalten! Er war damals sehr gereizt. Das Tourneeleben in Hotelzimmern hatte er nie gemocht. Zwei Jahre lang hatte er, selbst für seine Verhältnisse, ungewöhnlich viel gearbeitet - was man von den Brüdern nicht sagen konnte. Er war erschöpft. Und doch machte er wieder die Hauptarbeit. Er hat selber - wie seither bei jeder Tournee - das Programm der Show und auch die Bühnenarrangements entworfen. Sogar an den Kostümen und der Beleuchtung hat er mitgearbeitet. Aber „unsere Show gefiel mir nicht. Ich war von Anfang an mit der Tournee unzufrieden. Ich wußte nicht, wie ich das durchstehen soll. So kann man nicht auftreten.“ Jermaine hatte auf der Pressekonferenz salbungsvoll verkündet, die gemeinsame Arbeit während der Tournee werde die Wiedervereinigung der Brüder besiegeln. Das Gegenteil war der Fall. Michael hatte das Familienunternehmen saniert, die Tour spielte einen Gewinn von 75 Millionen $ ein. Fünfundfünfzig Konzerte in fünf Monaten ! Jetzt war's genug. Unter The Jacksons machte er drei Kreuze. Während des Abschlußkonzerts der Victory-Tour am 9. Dezember in Los Angeles gibt Michael die endgültige Trennung von seinen Brüdern bekannt. „Das war unsere letzte und endgültige Show. Das waren zwanzig lange Jahre, und wir lieben Euch alle.“

Er konnte von Glück reden, daß die Tournee nicht sein hart erkämpftes neues Image, das Bild des Jacko, dauerhaft beschädigt hat. Artur Goldman, der ihn als den Herold von Kiddie Kulture begrüßt hatte, war entsetzt: Ihr Bühnenauftritt, „fünf Macho-Figuren, posierend auf einer schimmernden metallenen Plattform, die aus dem Bühnenboden emporsteigt - das hätte aus dem Werbespot für ein neues Motorradmodell stammen können“. Der Billie Jean- und Beat It-Jacko als starker Mann unter starken Männern, wie irgendein Dutzend-Rocker! Goldman fand, Michael Jackson gehöre überhaupt nicht mehr auf die Bühne, sondern ins Video oder ganz ins Kino, das seien die Medien, für die er, und die für ihn gemacht sind... Ja, aber die Bühne braucht er nunmal: „Da fühle ich mich sicher, da kann mir nichts passieren.“ 

Viele Fans halten es für Michaels größten Fehler, daß er sich je auf die Pepsi-Werbung eingelassen hat. Aber es könnte sein, daß es gerade die Pepsi-Spots waren, die die Schäden der Victory-Tour neutralisiert haben. Sie erregten Aufsehen. Der Regisseur der beiden 60-Sekunden-Stücke war wieder Bob Giraldi, der Beat It gemacht hatte. Freunde aus der Branche, die es wissen mußten, wie Spielberg, Brando und Fonda, hatten Michael abgeraten, sich für Reklame herzugeben: Er sei dafür schon zu groß geworden, commercials würden ihn banalisieren. Aber da war der Vertrag! Zum Glück hatte sich Michael den endgültigen Schnitt der fertigen Spots selbst vorbehalten und darauf bestanden, daß sein Gesicht nur jeweils vier Sekunden lang gezeigt würde. Zu sehen waren stattdessen die weißen Socken, der einzelne Handschuh, die Sonnenbrille - lauter Gadgets, die jeder Fernsehzuschauer identifizieren und zuordnen konnte, ohne nachdenken zu müssen. Ist nicht Michael Jackson der Einzige, den die halbe Menschheit schon an seiner Silhouette erkennt? Durch Mystifikation machte er die Pepsi-Spots, die zu einer Verflachung seines Images hätten führen können, zu einer Feier seines Ruhms.

Zur Melodie von Billie Jean sang er einen neuen Text - in dem die Aufforderung „trink Pepsi“ nicht vorkommt. Die Spots waren so beliebt, daß MTV sie sogar kostenlos ausstrahlte - und die Zeitungen sie im regulären Fernsehprogramm ankündigten! Es herrscht ja ein Dauerkrieg zwischen dem Marktführer Coca und dem Ewigen Zweiten Pepsi. Mit Michael Jackson unternahm Pepsi den Angriff auf Platz eins. Tatsächlich geriet Coca so in Bedrängnis, daß sie den größten Fehler begingen, den die Geschichte der Werbebranche verzeichnet: Sie nahmen die charakteristisch geschwungene Coca-Flasche vom Markt und ersetzten sie durch ein Allerwelts-Wegwerf-Produkt! „Aus welchem Grund hat Coke nach neunundneunzig höchst erfolgreichen Jahren seine Formel geändert?“ fragt Pepsis Boss Roger Enrico prahlerisch. „Zwei Worte: Michael Jackson!“ Das Schlüsselwort der Werbekampagne hieß the Pepsi generation - die Wahl zwischen Pepsi und Coca sollte zu einer Generationenfrage stilisiert werden. Und um das glaubhaft zu machen, holte man sich den, der die „neue Generation“ ganz allein verkörperte - Michael Jackson. Da darf man wohl fragen: Machte er Reklame für Pepsi - oder trug nicht vielmehr Pepsi Jackos Bild rund um den Erdball?

Besonders aufsehenerregend war aber ein ganz ungeplantes Ereignis - Michaels Unfall bei den Dreharbeiten zum zweiten Spot. Das war am 27. Januar 1984. Er sollte zwischen Magnesiumblitzen eine Treppe heruntertanzen. Es war nach vier Tagen Dreharbeit die letzte Szene. Bob Giraldi war nicht zufrieden. Ein ums andre Mal ließ er wiederholen. Michael sollte dichter ans Feuerwerk heran. Und dann geschah es: In Michaels kunstvoll zerzaustes Haar fiel ein Funke. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe die Leute auf dem Set begriffen, daß die Stichflamme, die aus seinem Kopf schoß, nicht zum Schauspiel gehörte - denn auch Michael selbst, jeder Zoll Profi, tanzte zunächst weiter, und erst, als er zu Boden stürzte, begriff die Crew die Situation. Miko Brando, Marlons älterer Sohn - Michaels Leibwächter, Privatsekretär und einer seiner wenigen Vertrauten - stand ihm am nächsten. Er erstickte die Flamme mit den Händen und verbrannte sich die Finger. Im Cedar Sinai Krankenhaus werden an Michaels Kopfhaut Verbrennungen zweiten und dritten Grades bis fast auf den Schädelknochen festgestellt. Man verlegt ihn in das Brotman Memorial Hospital, ein Zentrum für Verbrennungsopfer, dessen Patienten Michael gerade zweieinhalb Wochen zuvor einen Besuch abgestattet hatte. Obwohl er schon am nächsten Tag entlassen wird, findet ein gewaltiger Medienauftrieb statt. Das Telefon ist Tag und Nacht blockiert, alle wollen ihm gute Besserung wünschen. Selbst US-Präsident Ronald Reagan und seine Faru Nancy schreiben ihm einen Brief. (Am 14. Mai werden sie ihn sogar offiziell im Weißen Haus empfangen - wegen seines Einsatzes für eine Kampagne gegen Alkohol im Straßenverkehr.) Pepsi zahlte anderthalb Millionen Dollar Schmerzensgeld, und Michael spendete sie dem Brotman Hospital, das eine neue Station einrichten konnte - die seinen Namen trägt. Er wird das Brotman noch öfter besuchen müssen, denn es werden mehrere Folgeoperationen nütig, um seine Kopfhaut wiederherzustellen. Allerdings wird er dauerhaft unter Schmerzen leiden. Anfangs weigerte er sich, Chemie zu schlucken. Aber schließlich ging es nicht mehr ohne. Seine Medikamentensucht, von der neun Jahre später noch viel geredet werden soll, nahm damals ihren Anfang. 

Michael Jackson hat zwar, wie Quincy Jones berichtet, schon am Tag nach dem Abschluß der Aufnahmearbeiten zu Thriller mit der Arbeit an seinem nächsten Album begonnen – „buchstäblich am nächsten Tag“. Aber bis es dann wirklich erscheint, vergehen fast fünf Jahre. Michael ist eben ein Perfektionist. Wenn man den Gerüchten glauben kann, dann liegen in seinem Panzerschrank ein paar hundert fertig abgemischter Songs. Aber nichts kommt heraus, bevor er nicht restlos damit zufrieden ist. Nach dem historischen Triumph von Thriller steht er aber nicht länger unter Erfolgsdruck. Er braucht nichts mehr zu beweisen. Und das Verhältnis zu CBS hat sich mittlerweile umgekehrt. Jetzt ist er der Boß. Er bestimmt, was gemacht wird. Endlich hat er control.

Nicht er muß bitten, daß man ihn machen läßt, sondern er ist es, der von nun an gebeten wird. In England hatte der Sänger und Produzent Bob Geldof die Initiative Band Aid ins Leben gerufen, um den Hungernden in Afrika zu helfen. Alle namhaften britischen Popkünstler hatten sich zusammengetan und eine Platte besungen, deren Erlös nach Afrika ging. Harry Belafonte wollte dem Beispiel in Amerika folgen. Quincy Jones wurde als Producer angesprochen - und sagte zu. Durch ihn stieß Michael Jackson zu dem Projekt. Lionel Richie, der einst im Vorprogramm der Jackson 5-Tournee aufgetreten war, sollte gemeinsam mit Stevie Wonder ein Lied schreiben, das von den größten Stars des amerikanischen Showbiz gesungen würde. Aber Stevie hatte wenig Zeit, die Sache kam nicht voran, und Michael sprang ein. Richie brachte zwei Rohentwürfe mit, aber sie verbrachten viele Stunden mit Plaudereien über die frühen Jahre. Schließlich wurde die Zeit knapp, Michael nahm Richies Demo-Bänder mit nachhaus und komponierte – „über Nacht“, wie er erzählt - das Lied We Are The World, eine suggestive Gospel-Hymne im Balladenton. Am 28. Februar 1985 versammelte sich alles, was in der amerikanischen Pop-Welt Rang und Namen hat, in A&M's Lion Share Studios [in L.A.], vierundvierzig an der Zahl, um United Support of Artists for Africa aus der Taufe zu heben. Quincy Jones hatte am Ein-gang zum Aufnahmeraum ein Schild angebracht: „Laß Dein Ego vor der Tür!“, und er brauchte sein ganzes Talent, um alle Eitelkeiten unter einen Hut zu bringen: Harry Belafonte, Ray Charles, Bob Dylan, Al Jarreau, Cindy Lauper, Bette Midler, Willie Nelson, Lionel Richie, Smokey Robinson, Kenny Rogers, Diana Ross, Bruce Springsteen, Tina Turner und Stevie Wonder - um nur die in Europa bekanntesten zu nennen. Und die halbe Jackson-Familie: Jackie, Tito, Marlon, Randy, LaToya. Jeder singt in seinem Stil, so wie er's gewohnt ist, Quincy dirigiert und Michael macht den Stimmführer.

We are the world.
We are the children.
We are the ones to make a brighter day,
So let's start giving.
There's a choice we're making,
We're saving our own lives. 
It's true, we make better days,
Just you and me.

Es ist der Urtyp der Kinderhymne - eine Spezialität von Michael Jackson. Und das heimliche Lieblingsstück zahlloser Fans; namentlich der jüngsten. Am Karfreitag, dem 5. April 1985 wurde es rund um die Welt von über 8000 Radiostationen gleichzeitig über den Äther geschickt. Der Verkaufserlös der Platte ging in das damals von einer Hungersnot heimgesuchte Äthiopien. Bis heute wurde die Single 80 Millionen Mal verkauft und ist damit der erfolgreichste Tonträger aller Zeiten. Der Betrag, den USA for Africa nach Äthiopien schicken konnte, belief sich auf rund 200 Millionen Dollar. Es wurden T-Shirts, Buttons, Bücher, Videos von der Aufnahmesitzung und auch ein eigenes Album herausgebracht, auf dem außer We Are The World unveröffentlichte Stücke mehrerer Teilnehmer zu hören sind. Allerdings keins von Michael Jackson. Wohl aber von Prince, der aus heute nicht mehr zu klärenden Gründen seine Mitwirkung an We Are The World abgesagt hatte. Daß er sich unter so vielen Berühmtheiten fehl am Platz gefühlt habe, ist wohl nur ein unfreundliches Gerücht. Eine Kuriositt am Rande: Das Life-Magazin hatte exklusiv über die Jam-Session der vierundvierzig Pop-Stars berichtet. Es veröffentlichte u. a. ein Photo, auf dem Michael Jackson zum Entsetzen seiner Fans mit... einer Büchse Budweiser in der Hand zu erkennen war! Fehlbar - auch er?

Nach USA for Africa zog sich Michael Jackson völlig zurück. Spätestens an diesem Punkt kommt sein Biograph in Verlegenheit. Wenn dieser Star nicht auf der Bühne steht, wenn er keine Platte herausbringt und kein Video dreht, weiß man nicht recht, worüber man schreiben soll: Die äußeren Ereignisse fehlen. Führt er denn kein Privatleben? Der Tag hat vierundzwanzig Stunden, irgendwas muß er doch tun! Es gab viel Klatsch, aber nur über Belangloses.

Ein Bild von Michael Jacksons persönlichen Schicksalen haben wir nur, solange er klein war. Ein Kind führt sein Leben noch nicht allein, viele andere haben Einblick, wenn sie ein Wörtchen mitzureden haben. Die haben später geplaudert. Seine Kindheit ist auch der einzige Lebensabschnitt, von dem er bislang selber zu erzählen bereit war - sofern sie nämlich ausgefallen ist. Nach dem Weggang von Motown werden die Auskünfte über Privates immer spärlicher. Seit er seine Angelegenheiten selber in der Hand hält, sieht es so aus, als habe sich nicht mehr viel getan. Von Stagnation reden die weniger gutwilligen unter den Chronisten - weil man nichts weiß.

Man sagt, die Stars des Showgewerbes führten alle ein Doppelleben; eins fürs Publikum und eins für sich. Aber das ist banal. Jeder Angehörige der bürgerlichen Gesellschaft tut das - nämlich sobald er erwachsen ist. Ja, das macht seine Erwachsenheit geradezu aus: ein ernstes Leben für öffentlich vertretbare Zwecke, und daneben ein intimes, für das er niemand Rechenschaft schuldet - und das auch ruhig unernst bleiben darf. Die Stars der Unterhaltungskunst schieben aber noch ein drittes Leben dazwischen, ein „Privatleben für die Öffentlichkeit“, das selber Performance, Vorführung ist.

Erstens gibt's da einen Berufsstand, der das braucht: Reporter und Fotografen leben davon, denen muß man was anbieten, damit sie einen da in Ruhe lassen, wo es wirklich privat wird. Aber der Star braucht es auch. Das Produkt, das er verkauft, ist nicht nur die einzelne Darbietung, sondern sein Image als ihr tragender Grund. Das muß unterhalten werden, und wenn schon nicht immer durch Kunst, dann durch Klatsch.

Seit Little Michaels Metamorphose zum Jacko gehört zu seinem Image freilich das Rätselhafte. Er ist nicht mehr einer unter anderen, an deren Elle er sich messen ließe, sondern er ist allein über allen. Er muß sich abheben, und seither heißt es: „Nach Thriller hat er abgehoben.“ Die Hohe Schule der Mystifikation hatte er bei Motown studiert, Berry Gordy fand einen begabten Schüler; ein weiterer „bungsplatz waren die verschwiegenen Zeugen Jehovas. Die Selbststilisierung zum Extraterrestrian, zu einem, der nicht mehr ganz von dieser Welt ist, gehört zur Kunstfigur Jacko. Aber mit den Kostümen ist es so: Es reicht nicht, wenn sie funkeln, sie müssen auch passen. Wie hat Michael Jackson seine Aura des unnahbar Geheimnisvollen so lange gegen die Neugier der Welt behaupten können? Des Rätsels Lösung - sein Privatleben ist privat im strengen Wortsinn: Er teilt es mit niemand. Er war in Isolation aufgewachsen, er kannte es nicht anders. Es hätte einer großen Kraft bedurft, etwas neues zu wagen - einer, die ihn lockt oder treibt. Doch was ihn zurückhielt war stärker.

Er ist schüchtern, das sagt jeder, der ihm begegnet ist. Er fählt sich von den Leuten bedroht. Vom Publikum, jener hysterischen, kreischenden Menge, die Tag und Nacht das Haus in der Hayvenhurst Alley belagert: „Ich weiß, daß sie mir nicht wehtun wollen, aber sie tun's. Sie greifen nach mir, sie ziehen an den Haaren. Jeder will ein Stück von mir, ich komm mir vor wie Spaghetti zwischen ihren Fingern.“ Zwar kann er ohne Publikum nicht leben, er ist süchtig danach; aber es macht ihm Angst.

Bedroht auch von den Künstlerkollegen: Für die Karriere würden sie Vater und Mutter verkaufen, sie lächeln dich an und kalkulieren gleich ihren Gewinn. Auch bei denen, die ihre Karriere schon hinter sich haben, fragt er sich immer: Lieben sie ihn, oder blendet auch sie nur sein Ruhm? Ja ja, Erfolg macht einsam. Nur - Mißerfolg macht einsamer. Die Chance, nur um seiner selbst willen geliebt zu werden, ist dem größten Star aller Zeiten ein für allemal verbaut. Von Kindesbeinen an wußte er ja, daß er nur dann etwas galt, wenn er auftrat. Ansonsten war er - just nuthin'. Maria Callas, die „berühmteste Frau ihrer Zeit“, war von ihrer harten und ehrgeizigen Mutter auch schon als Kind zum Star dressiert worden: „Sie liebte mich nur, wenn ich sang!“ Freundschaft hat auch sie nicht kennengelernt. Und so blieb sie noch in der Ehe einsam.

Die alternden Hollywood-Stars, die er gelegentlich aufsucht, gehören zu den wenigen, die keine Gefälligkeit von ihm erwarten - sie sind selbst berühmt. Darum können sie unbefangener mit ihm verkehren als andere. Aber das, worauf es ihm am meisten ankommt, können sie nicht. Seit er erreicht hat, was man als Showstar überhaupt erreichen kann, fühlt er schmerzhaft: Das war nicht alles, was ihm gefehlt hat. Es blieb ein Stachel, den auch der Ruhm nicht ziehen konnte. Sicher ist er von Ehrgeiz zerfressen, und er wird immer wieder versuchen, auch den größten Star aller Zeiten noch zu überbieten. Aber während er hinter seinen eigenen Rekorden herhetzt, sieht es auch so aus, als liefe er vor etwas davon. Immer tiefer ist Michael Jackson überzeugt: Wenn es ihm nicht gelingt, jenen Hohlraum zu füllen, den er seine „gestohlene Kindheit“ nennt, wird er nicht zur Ruhe kommen und würde er seine Einsamkeit nicht los: „Ich glaube, daß ich niemals völlig glücklich sein werde.“

Was gewesen ist, läßt sich nicht ungeschehen machen, und was einmal versäumt wurde, läßt sich nicht nachholen. Doch immer wieder tut er so, als ob. Es ist als wenn man seinen Durst mit Salzwasser löscht. Es waren ja nicht bloß die Spiele der Kindheit, die ihm entgangen sind, like pirates and kings on the throne. Es ist die Freundschaft. Zwar versucht er ständig, sie nachzustellen. Stets sieht man ihn seither in Begleitung eines best buddy, eines „besten Freundes“, aber er muá immer wieder von vorn anfangen. Warum? Weil die Kinderfreundschaft nunmal nicht dauert und keine „Erfüllung“ ist, sondern - sich auswachsen muß. Oder ist es gerade das Vorläufige, Vorübergehende, das Michael Jackson an dieser Art „Beziehung“ festhält?

Man hört gelegentlich, Schwermut sei nichts anderes als Angst vor der Einsamkeit. Genauer gesagt, Angst vor dem Alleingelassenwerden. Wer sich heftiger nach Gebundenheit sehnt als die andern, hat auch mehr Furcht vor dem Scheitern. Er will zwar, aber dann zuckt er zurück: „Es würde mir schwerfallen, von einem anderen Menschen so abhängig zu sein“, sagt Michael Jackson über die Ehe, und man erkennt, daß control wohl noch etwas mehr bedeutet als nur ein geschäftliches Prinzip. Zu den Merkmalen der Erwachsenheit gehört anscheinend das Bedürfnis, tonangebend im Seelenleben eines andern zu hausen. Die Freundschaften mit Kindern mögen dagegen in mancher Hinsicht unbefriedigend sein, doch den einen Vorzug haben sie: Die Gefahr, angeeignet zu werden, ist gering.

Also wohnte er weiterhin in dem zum Hochsicherheitstrakt ausgebauten und von Wachposten umstellten Familiensitz in der Hayvenhurst Alley - mit den beiden Eltern und den Schwestern LaToya und Janet. Janet hatte während der Victory-Tour geheiratet, und für ein paar Wochen - sie ließ sich schon bald wieder scheiden - wohnte ihr Ehemann James DeBarge bei den Jacksons. Er erzählt davon, „was für eine kummervolle, einsame Gestalt Michael Jackson ist. Wie ein Gespenst wandert er durchs Haus auf der Suche nach Freundschaft.“ DeBarge neigt zum Dramatisieren, und Michael durchwanderte nicht nur das Haus in Encino. Er igelte sich diesmal auch nicht in seinem verdunkelten Zimmer ein. Von Rick Baker, dem Maskenbildner des Thriller-Videos, hatte er sich Schmink-Utensilien für rund zehntausend Dollar beschaffen lassen, derer bediente er sich nun. Verkleidet trieb er sich in der Gegend rum, und des Morgens in aller Frühe, bei Sonnenaufgang, habe man ihn manches Mal auf dem Rad durch die Straßen von L.A. kreuzen sehen, heißt es; nicht verkleidet, sondern in schlabbrigen Jeans und verschmuddeltem T-Shirt, wie er es liebt. Fotos gibt's davon freilich nicht...

Daß er nach Freundschaft suchen muß, ist nicht mehr ganz richtig. Er hat jetzt Freunde, und die lädt zu sich ein. Kinder. Und wenn er sich doch mal in der Öffentlichkeit blicken läßt, sind sie dabei - seit damals eigentlich immer. Die meisten haben irgendwie mit dem Showgeschäft zu tun, sind Kinder von Geschäftspartnern oder stehen selber schon auf der Bühne. Lange Zeit war sein ständiger Begleiter Emmanuel Lewis, der zwergwüchsige Star der Familienserie Webster. Er war so winzig, daß Michael ihn meistens auf dem Arm trug, er war überall dabei, selbst bei geschäftlichen Besprechungen. Brooke Shields, die man damals an seiner Seite sah, wenn er aus öffentlichem Anlaß mal seine Einsiedelei verließ, soll es gar nicht geschätzt haben, seine Aufmerksamkeit stets mit Webster zu teilen. Ein weiterer best buddy war der zwölfjährige Alfonso Ribeiro, der bereits am Broadway getanzt hatte und im ersten Pepsi-Spot Michaels Partner war. Lange dauern diese nachgestellten Kinderfreundschaften nie, aber darum sind sie nicht minder heftig.

In dieser Zeit beginnt Michael Jackson eine Übung, der er bis heute treu geblieben ist. Er geht in Kinderkrankenhäuser, um die kleinen Patienten aufzuheitern. „Es macht mich glücklich, ein wenig Freude in ihr Leben zu bringen, einfach indem ich auftauche und mit ihnen rede, ihnen zuhöre und sie ein bißchen tröste.“ Er gibt viel Geld aus für die Ausstattung von Kinderkliniken. Auch für medizinisches Gerät. Aber meistens für die Einrichtung von Spielzimmern. Nicht immer teilen aber die Ärzte seine Meinung, daß Frohsinn für die Heilung ebenso nötig ist wie Medizin.

„Manchmal besuchen mich kranke Kinder zu Hause oder in meinem Hotelzimmer, wenn ich unterwegs bin. Die Eltern rufen mich an und fragen, ob ihr Kind mich für ein paar Minuten besuchen könnte.“ Eine dieser Begegnungen hat ihn nachhaltig beeindruckt. Die Brass Ring Society hat sich zum Ziel gesetzt, todkranken Kindern einen letzten Wunsch zu erfüllen. Der vierzehnj„hrige David Smithy war unheilbar an Zystischer Fibrose erkrankt, einem Geschwulstleiden. Sein großer Traum war, Michael kennenzulernen! Er kam nach Hayvenhurst, besichtigte Michaels Zoo, veranstaltete ein Interview mit ihm, und sie verbrachten den ganzen Nachmittag mit Videospielen. Schließlich schenkte ihm sein Idol die Original-Lederjacke aus dem Beat-It-Video. Der Junge starb sieben Wochen später und wurde einer der Widmungsträger auf dem Victory- und dem Bad-Album.

Damals ging durch die amerikanischen Blätter die Geschichte von dem „Jungen, von dem keiner was wissen will“. Der bluterkranke Ryan White hatte sich im Alter von elf Jahren an einer verseuchten Blutkonserve mit AIDS angesteckt. Über die Übertragbarkeit dieser noch ganz neuen Krankheit wurde damals viel phantasiert, selbst eine Türklinke war schon verdächtig. Binnen kurzem war der kleine Junge vällig isoliert, sogar von seiner Schule hatte man ihn verwiesen. „Michael hat von Ryan erfahren wie alle andern - aus der Zeitung“, erzhlt Jeanne White, die Mutter, Jahre später. Er beauftragt seine Leute, die Whites in ihrem Haus in Cicero, Illinois anzurufen und zu fragen, „ob Ryan irgendwas braucht“. Der wünscht sich eine Stereo-Anlage. „Die Boxen waren fast so groß wie Ryan“, schwärmt die Mutter. Irgendwann ruft Michael selber an. „Sie haben sich schnell angefreundet. Sie hatten viele gemeinsame Interessen, wissen Sie. Spielzeug zum Beispiel. Nicht zum Spielen - nur zum Sammeln.“ Immer öfter ist Ryan zu Gast bei Michael, erst in Hayvenhurst, später auf Neverland. Jeanne begleitet den kranken Sohn. Worüber haben sie geredet? „Mama, das ist privat“, pflegte Ryan zu sagen. „Ich traue ihm, und er traut mir. Darum sind wir Freunde.“ Nur eines weiß die Mutter sicher: „Sie haben nicht in ihren jeweiligen Problemen gestochert. Über eines wurde nie gesprochen: daß Ryan AIDS hatte und daß Michael berühmt ist.“ Die rührende Geschichte hat aber was Schauriges. Was mochte der todgeweihte Junge von Michael Jackson schon anderes erwarten als bloß Freundschaft? Vor dem mußte er sich also nicht in Acht nehmen. Ryan White starb am 8. April 1990, gerade achtzehn Jahre alt.

Jeanne White hat Michael Jackson rein privat kennengelernt, ohne Verbindung zum Showbiz. „Michael ist ganz und gar nicht seltsam“, sagt sie. „Er ist ein zutiefst scheuer Mensch und es fällt ihm schwer, mit andern Leuten zu kommunizieren. Das kommt wohl daher, wie er in der Öffentlichkeit angesehen wird.“ Aber sie fügt hinzu: „Irgendwie wirkt er bedrückt.“ Auch Leute aus der Branche haben sich immer wieder gegen das Wacko-Jacko-Image (engl. wacky: meschugge) gewandt, das die Presse ihm zu jener Zeit anzuhängen begann. „Wenn man bedenkt, wie er aufgewachsen ist, ist er sogar überraschend gesund. Ich wünschte, er wär mein kleiner Bruder“, sagt etwa Quincy Jones. Allerdings, „Kindern traut er mehr als Erwachsenen.“ Ein deutscher Journalist, der das seltene Privileg genießt, hin und wieder bei Hofe vorgelassen zu werden, sekundiert: „Da könnten Sie Ihr blaues Wunder erleben! Verglichen mit manchem andern Popstar ist er privat fast erfrischend normal - und da kenn' ich einige.“

Aber alles war nicht aus den Fingern gesogen, was die Klatschpresse gedruckt hat. Seit dem Frhjahr 1984 sorgte Frank Dileo aus dem Hause Epic als Manager für Michaels öffentliches Ansehen. Und der konnte es nicht „bizarr“ genug haben (doch auch Michael schätzt dies Adjektiv). Die Fotos, die Michael Jackson in einer Sauerstoffkammer liegend zeigen, wurden dem National Enquirer direkt von seinem Management zugespielt, beteuert dessen Herausgeber, und als sie die Bildqualität beanstandet hätten, habe man prompt eine verbesserte Vorlage nachgereicht. Dileo versicherte der Öffentlichkeit sogleich, daß Michael natürlich nicht in dieser Kammer schlafe; das Foto sei während eines seiner Besuche im Brotman-Zentrums für Verbrennungsopfer entstanden... Mit dieser und ähnlichen Geschichten kitzelte er bewußt die Vorurteile des Durchschnittspublikums, das gern Genie mit Wahnsinn assoziiert (um Mittelmaß mit Normalität gleichsetzen zu dürfen). Da Michael die Presse nicht, wie andre Stars, mit einem „öffentlichen Privatleben“ bedienen wollte und konnte, mußten die Klatschgeschichten fix und fertig angeliefert werden. Keine davon war wirklich bösartig, auch nicht das, was die Blätter hinzuerfanden. Zum Beispiel, daß er stundenlang zwischen einem halben dutzend Schaufensterpuppen sitze, die mit seinen Phantasiekostümen angetan sind, und mit ihnen Zwiesprache halte. „Die sind auch nicht anders als andre Leute“, konnte Michael da spotten, „außer daß sie einen nicht um Gefälligkeiten bitten!“ Doch wenn auch nicht bösartig - auf die Dauer mußte solches Gerede nicht nur den (gewollten) Eindruck des Jenseitigen, sondern auch den (ungewollten) des Unzurechnungsfähigen erwecken. Als Frank Dileo nach fünf Jahren ohne Erklärung gefeuert wurde, vermuteten manche hier die Ursache...

An seinem Image als Außer-, gar „berirdischer arbeitet Michael Jackson seither freilich selber eifrig weiter. Eine vorzügliche Gelegenheit dazu bot sich 1986. Die Walt Disney Company suchte nach einer neuen, ultimativen Attraktion für ihre Freizeitparks in Florida und Kalifornien. Walt Disney ist neben Charly Chaplin und Fred Astaire eins von Michaels Idolen; und er selber war nach (oder schon vor?) Mickey Mouse das größte Idol der Kinder... Was lag da nahe? Eben: ein avantgardistischer Tanz- und Musikfilm mit Michael Jackson! Geld spielte keine Rolle, das Beste war gerade gut genug. Man holte Francis Ford Coppola, den Regisseur von Apocalypse Now, als Produzenten. George Lucas, der den Krieg der Sterne realisiert hatte, führte Regie. Es wurde eigens ein völlig neues 3D-Verfahren entwickelt. Der ganze Spaß soll runde 30 Millionen Dollar gekostet haben. Wegen des technischen Aufwands kann Captain EO - so hieß das Produkt schließlich - bis heute nur in den Spezialkinos der Disney-Parks gezeigt werden. Das Stück dauert gerademal siebzehn Minuten und spielt irgendwo im Weltraum. Dort auf dem Finsteren Planeten herrscht die Hexenkönigin, dargestellt von Anjelica Huston, Hollywoods Gruselfrau No 1. Captain EO ist eine Art fahrender Weltraum-Ritter, der singend und tanzend die von den Hexen geknec-teten Massen aus ihrer Bedrückung führt - und dann weiterzieht. Die futuristische Umgebung und die atemberaubenden Trickbilder erlauben Michael, sich zum Träger einer Botschaft zu stilisieren:

We're taking over. We have the truth.
The final message we bring to you.
Don't point your finger, not dangerous!
This is our planet, your one of us!
We're sending out a major love,
and this is our message to you:
The planets are lining up,
we're bringing brighter days,
they're all in line, waiting for you.
Can't you see?
You're just ANOTHER PART OF ME! 

Es wird viel gespöttelt über seine message. „Er ist die ganze Botschaft, hinter der nichts anderes steckt als wieder er“, unkte DIE ZEIT über das „Weltkulturgut“ Michael Jackson. Und so gehässig es gemeint war, trifft es doch den Kern: Bei aller persönlichen Bescheidenheit, die ihm nachgesagt wird, glaubt Michael Jackson an seine Sendung: „Ich glaube, daß Gott die Menschen für bestimmte Aufgaben auswählt. Ich habe gerade erst die Oberfläche der eigentlichen Bestimmung meines Hierseins gestreift. Ich gehöre ganz meiner Kunst. Meine Aufgabe ist, die Menschen zu unterhalten. Ich wüßte nicht, was ich sonst tun könnte.“

Was soll nun aber Unterhaltung mit einer göttlichen „Botschaft“ zu tun haben?! Michael Jackson hat sich seinen Beruf nicht aus mehreren Möglichkeiten ausgewählt. Er ist ihm selbstversändlich, weil er nie etwas anderes gemacht hat. Und ganz selbstverständlich bedeutet Unterhaltung für ihn: die verbohrten und erschlafften Herzen der Menschen erheitern und neu in Gang setzen. Eine Art Reinigung der vergreisten Gemüter. Und wenn erst die Menschen besser werden, dann sicher auch ihre Welt...

Die Kinder aber, die ihm das liebste Publikum sind, die will er anmachen und aufstacheln, damit sie gar nicht erst Staub ansetzen. Sie sind seine Hilfstruppe. Ihren Platz in der Welt ausbauen und befestigen, das wäre das beste Tonikum, um unter all der erwerbsfleiáigen Routine the playfulnis of Life, die Verspieltheit des Lebens wieder freizulegen: „Und darum liebe ich Kinder und lerne so viel von ihnen, wenn ich mit ihnen zusammenbin. Ich habe erkannt, daß die Probleme der Gegenwart - von der Kriminalität in unsern Städten bis zu den großen Kriegen, vom Terrorismus bis hin zu unsern überfüllten Gefängnissen - daher stammen, daß Kindern ihre Kindheit gestohlen wird. Die Magie, das Wunder, das Geheimnis und die Unschuld von Kinderherzen bergen eine Kreativität, die die Welt heilen wird“, erzählt er bei einer seiner raren Ansprachen anläßlich der Grammy Awards 1993 einem staunenden Publikum. Und für Zweifler fügt er hinzu: „Das glaube ich wirklich.“

In die Zeit von Captain EO dürfte auch Michael Jacksons Abrechnung mit den Zeugen Jehovas gefallen sein. „Ich stehe auf der Bühne, seit ich denken kann“, hat er einmal gesagt. Aber mindestens ebensolange stand er im Banne der Bibelforscher-Sekte. Von all den Erweckungs- und Wiedertäuferbewegungen, die seit dem Bürgerkrieg die ländlichen Regionen Amerikas überollen, waren die Zeugen Jehovas die radikalste und die - langlebigste. Sie lehnen es ab, schon Kinder zu taufen - denn die Taufe ist für sie keine von einer Amtskirche verliehene Würde, sondern das äußere Zeichen eines persönlichen Bekehrungserlebnisses. Sie leben in unmittelbarer Erwartung des Tausendjährigen Reichs, in das freilich nur die Angehörigen ihrer Gemeinschaft Eingang finden - denn die andern werden mit unserer alten Welt untergehn. Alle Verstrickung mit den weltlichen Mächten - und also jegliche Politik - weisen sie von sich: Der „Verkündiger“ hat sich innerlich für das Reich Gottes bereit zu machen, sonst nichts. Der Grad seiner Bereitschaft erweist sich aber an seiner Fähigkeit, andere Menschen zu „erwecken“. Daher ihr aggressiver Propagandismus. Daher aber auch das totalitäre System gegenseitiger Gewissenskontrolle, das sie in den Augen der Welt in die Nähe moderner Psychosekten rückt.

Michael Jackson hatte sich 1981 taufen lassen, im Alter von 23 Jahren. Aber der, der wie kein anderer in der profanen Welt wirkt, mußte früher oder später mit dem engherzigen, selbstgerechten und hochmütigen Geist der Sekte in Konflikt geraten. Sein erster großer Zusammenstoß mit den „Ältesten“ kam mit dem Thriller-Video. Es mußte ein disclaimer vorangestellt werden, in dem Michael versichert, „in keiner Weise dem Glauben an das Okkulte Vorschub leisten“ zu wollen. Aber es war klar, daß der größte Star aller Zeiten nicht lange in die Zwangsjacke dieser weltfeindlichen Eiferer passen würde. Zwar war er mit Politik zeitlebens nicht in Berührung gekommen, selbst das Rassenproblem kannte er nur aus den Erzählungen anderer. Aber bei seinen Besuchen bei den kranken Kindern in den Kliniken hatte er eine für ihn neue Erfahrung gemacht: daß es in unsrer alten Welt eine Menge Leid gibt, das sich durch praktische Maßregeln schon heute lindern ließe. Doch immer noch ist seine Religiosität vom Erweckungsgedanken der Zeugen Jehovas geprägt; einen positiven „Inhalt“ seiner Botschaft sucht man wirklich vergebens. Es läuft letzten Endes immer auf die simple Aufforderung heraus: „Geh in dich und kehr um“ - alles andere muß sich finden; in our small way. Die starken Bewegungen des Herzens als Reinigungsmittel, um den inneren Menschen wieder neu und frisch zu machen - das ist zugleich eine sehr klassische Auffassung vom Sinn der Bühnenkunst. Für Michael Jackson sind Showspiel und Botschaft schlicht und einfach dasselbe. Dabei handelt es sich wohlbemerkt nicht um ein quasi politisches Programm: Wenn nur jeder an seiner Statt ein bissel was macht, dann werde sich schon alles zum Guten wenden... Das wäre einfältig. Sondern um die moralische Maxime: Tu du nur immer, was du kannst, und frag nicht lang nach dem Erfolg. Ein wenig weltfremd ist das wohl. Ob aber jene ernsten Projekte zur Weltverbesserung, von denen unser Jahrhundert einige miterlebt hat, viel realistischer sind, ist noch umstritten.

Im April 1987 hat Michael Jackson die Zeugen Jehovas verlassen.

Nach Thriller erwartete alle Welt nur noch Außerordentliches von Michael Jackson. Zu allererst er selbst. Das neue Album mußte - noch! – „besser“ werden als das vorige. Aber woran wird künstlerische Qualität gemessen? Am Urteil der Kritik? Unterhaltung ist Industrie, ihre Qualität ist Erfolg. Konnte Michael im Ernst hoffen, die Verkaufszahlen von Thriller zu überbieten? In den Performing Arts ist die Erwartung des Publikums selbst ein Teil des Kunstereignisses. Image-Buildung ist eine Kunstgattung. Einerseits verlangt es Einfallsreichtum und Gestaltungskraft. Andererseits ist es ein riskantes Spiel mit einer vielmillionenköpfigen Unwägbarkeit.

Mut zum Risiko ist bestimmt nichts, was Michael Jackson fehlt. Er kehrt die geltende Logik der Werbebranche um und beschließt, die Firma Pepsi für sich arbeiten zu lassen. Im Frühjahr 1986 bietet er ihr eine Erneuerung des Reklamevertrags an und benutzt die Werbespots, um sein neues Album zu lancieren. Hauptstück der neuen Serie ist eines mit dem Titel The Chase - und zeigt Michael Jackson auf der Flucht vor ganzen Heeren von Reportern, vor denen er sich nur mit halsbrecherischen Stunts retten kann. „Alle wollen Michael!“ ist die Botschaft. (Oder wollt ihr etwa Pepsi?) Ein anderer, nicht weniger anzüglicher Spot zeigt einen blonden Jungen, der sich in Michaels Garderobe schleicht und seine Klamotten anprobiert. Da hört er hinter sich eine vertraute Stimme: „Willst du zu mir?“ (Der blonde Junge hieß Jimmy Safechuck und wurde später während der Bad-Tournee Michaels ständiger Begleiter.)

Aber der neue Deal mit Pepsi - der mit einem Gesamtumfang von geschätzten 15 Millionen Dollar in das Guinness-Buch der Rekorde einging - verfolgte neben Image-Building noch handgreiflichere Ziele. Pepsi wurde als Sponsor für Michaels erste eigene Welt-Tournee gewonnen, aber das wußte damals noch keiner.

Michael Jackson ist ein Perfektionist. Und ein workaholic. Er berauscht sich an seiner Arbeit wie andere am Schnaps. Und schließlich ist er - Künstler. Wann ein Werk ‚fertig‘ ist, ist da reine Geschmackssache. Und Michael findet immer noch etwas, das ihm nicht gefällt. Also fängt er wieder von vorne an. Das neue Album läßt auf sich warten. Michael Jackson und Abgabetermin, das paßt eben nicht zusammen... Dabei arbeitet er seit dem Tag, als Thriller in die Läden kam, wie ein Besessener! Quincy Jones ist wieder mit dabei, auch Bruce Swedien als Leiter der Aufnahmetechnik. Epic und die Fans müsssen sich bis zum Sommer 1986 gedulden. Im Juli wird Michaels erste Welttournee offiziell angekündigt, und nachdem fünf Wochen lang eine erste Single-Auskoppelung I Just Can't Stop Loving You die Erwartungen angeheizt hatte - übrigens ohne Video-Clip -, erscheint am 31. August das Album Bad. Am selben Tag sendet CBS ein halb-stündiges Feature The Magic Returns, in der auch das 17-minütige Video zum Titelsong vorgestellt wird, bei dem Martin Scorcese die Regie geführt hat. Es ist die Geschichte von Derryl, einem Jungen aus Harlem, der eine Privatschule auf dem Lande besucht. In den Ferien kommt er nachhaus und trifft seine alten Freunde. Sie verhöhnen ihn als verweichlichte cissy, und um zu zeigen, wie bad er ist, will er in der U-Bahn einen alten Mann überfallen. Aber er bringt's nicht fertig. - Bis hierher ist der Film schwarz-weiß, aber nun wird er bunt, und Michael führt eine Jugend-Gang in einen wilden Tanz, um zu zeigen, wer hier wirklich really, really bad ist. Gegenüber Thriller hat sich sein Äußeres weiter verändert. Er ist schön wie ein orientalischer Prinz, und entspricht endlich seinem erklärten (indischen) Ideal. Aber er ist in eine schwarze Ledermontur gepackt, die über und über mit Nägeln und Schnallen besetzt ist, so als käme er direkt aus einem S/M-Katalog. Und schließlich zeigt er zum erstenmal jene inzwischen berühmte Geste, an der jeder sieht, was für ein schlimmer Junge er geworden ist...

Ist es nötig zu sagen, daß bad im Schuljungen-Jargon natürlich - wie terrible (oder im Deutschen ‚unheimlich‘) - einen Doppelsinn hat? Es heißt wohl böse und schlimm, aber es bezeichnet auch all die Eigenschaften, die als männlich gelten - und die Knaben gerne hätten. (In dem Spielfilm Moonwalker wird die Bad-Tanznummer später exakt wiederholt - von kleinen Jungens; und um die Doppeldeutigkeit perfekt zu machen, heißt das Stück nun Badder.) Doch der Titelsong, der das Album eröffnet und thematisch an Beat It und damit an Thriller anknüpft, ist dennoch nicht das Kernstück der Sammlung. Das kommt erst auf der B-Seite und wird von Another Part Of Me vorbereitet, das auf diesem Album die Stelle der Kinderhymne einnimmt. Der Kern ist Man In The Mirror. Dieses Lied ist nicht von Michael, sondern von der jungen R&B-Sängerin Siedah (sprich Sai:ihda) Garret, die Michael als Anerkennung für dies großartige Gospelstück mit ihm in I Just Can't Stop Loving You duettieren ließ. 

I'm starting with the man in the mirror,
I'm asking him to change his ways.
And no message could have been any clearer:
If you wanna make the world a better place,
take a look at yourself.
Then make a change.

Ich fang bei dem Mann im Spiegel an, ich sag ihm, er soll sich ändern. Und nichts ist klarer als das: Willst du aus der Welt was beßres machen, dann sieh dich selber an, und dann mach kehrt. - Off The Wall und Thriller waren Unterhaltung. Seit Bad hat Michael Jackson eine Botschaft. (Man In The Mirror ist nach einer Leserumfrage des Magazins Black&White das Lieblingsstück seiner deutschen Fans.)

Zugleich findet sich auf dem Album das bislang letzte schlicht und einfach fröhliche Stück von Michael Jackson, die schrille Tanznummer The Way You Make Me Feel; und mit dem karibisch angehauchten Liberian Girl auch sein letztes ungebrochenes Liebeslied - beides auf der „leichten“ A-Seite. Mit dem zweiten Hauptstück, I Just Can't Stop Loving You, ist das schon anders. Es ist ein Meisterwerk der Ambivalenz. Vorderhand der Jubelgesang eines Frischverliebten: I'm so proud to say I love you - ich bin so stolz, daß ich dich liebe! This thing can't go wrong, this feeling's so strong, diese Sache kann nicht schiefgehen, das Empfinden ist viel zu stark. Aber man hört es deutlich am elegischen Tonfall: Die Sache ist längst schiefgegangen, er weiß es nur noch nicht.

Überhaupt ist der Grundton der B-Seite, unerachtet der funkigen Musik, ganz und gar nicht heiter. Die Hardrock-Nummern Dirty Diana und Smooth Criminal verspritzen Zynismus, Gift und Galle. Trotzdem sind sie komisch. Aber eben nicht „leicht“. Und das wird von nun an so bleiben.

Bad steigt bei den Billboard Album Charts auf der No1 ein und bleibt dort für sechs Wochen. Die verbleibenden vier Monate reichen aus, es in den USA zum meistverkauften Album des Jahres 1987 zu machen. Aber vor allem: Bad soll Michael Jackson als führenden Pop-Star auch in Übersee etablieren. Am 12. September beginnt seine Welttournee mit einem Konzert in Jokohama. Er bleibt einen Monat in Japan und spielt bei vierzehn Auftritten vor insgesamt fast einer halben Million Zuschauern. Machen wir's kurz. Im Lauf von sechzehn Monaten wird er vor viereinhalb Millionen Menschen singen und tanzen - wieder ein Rekord: die gewaltigste Tournee, die es je gab. Und mit einem Gewinn von 125 Millionen Dollar auch die einträglichste. Der Aufwand hat sich gelohnt: Michaelmania weltweit! In fünfundzwanzig Ländern wird Bad die Nummer eins der Album-Charts. Auch in Deutschland. Hier hatten ihn in Köln, München, Mannheim, Hamburg und Berlin inzwischen einige hunderttausend Menschen live erlebt.

Denkwürdig wurde übrigens das Konzert in Berlin am 19. Juni 1988. Es fand mit fünfzigtausend Zuschauern auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag statt, neben dem Brandenburger Tor. Das heißt direkt an der Berliner Mauer. Und es wurde - ungewollt - zu einem politischen Ereignis. Obwohl am selben Abend in Ostberlin vorsorglich ein Rock-Konzert angesetzt war, das von Katarina Witt moderiert wurde und bei dem unter anderm Bryan Adams auftrat, hatten sich am Pariser Platz auf der Ostseite des Brandenburger Tores mehrere tausend Jugendliche versammelt. Michael hatte angeordnet, einen Teil der mächtigen Lautsprecheranlage in Richtung Osten zu wenden. Es war alles fröhlich und friedlich. Dennoch: Das war schon zuviel an deutsch-deutscher Gemeinsamkeit, und die Volkspolizei setzte Schlagstöcke und sogar ihre Schäferhunde ein, um die gesetzwidrige Ansammlung mit unve-hoffter Brutalität aufzulösen. Das Erschrecken am andern Tag war groß, beiderseits der Mauer: Noch nie hatte man die Staatsmacht der DDR so kopflos erlebt. War sie unberechenbar geworden? An diesem Tag begann sie, die Achtung ihrer Bürger zu verlieren.

Und danach ging dann alles sehr schnell... So abenteuerlich es klingt: Der größte Star aller Zeiten hat sogar ein kleines bißchen deutsche Geschichte gemacht. Seither hat er hier seine (vielleicht nicht zahlreichste, so doch) treueste Fangemeinde - wie sich fünf Jahre später bei gegebenem Anlaß zeigen sollte.

Michael Jackson mußte den Entschluß, wieder auf Tournee zu gehen - was er doch haßt -, nicht bereuen. Auch sein Kalkül mit Pepsi war aufgegangen: Die neuen Spots, die seit dem Frühjahr '88 um die Welt gingen, hatten sich als unschätzbare Promotion für seine Tour bewährt. Er konnte zufrieden sein. Und während der Bad-Tournee fällt daher der denkwürdige Satz: „Endlich bin ich der, der ich immer sein wollte!“

Das war aber nicht nur professionell gemeint; sondern auch privat. Im Mai 1988 konnten Katherine und Joe Jackson in der Zeitung lesen, daß ihr Sohn zuhause ausgezogen war und sich eine eigene Wohnung genommen hatte. Während der Dreh-arbeiten zu dem Video Say Say Say mit Paul McCartney hatte er das Tal von Santa Ynez etwa 150 km nordwestlich von LA kennengelernt. Es hatte ihm gut gefallen, und als er erfuhr, daß dort - in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ronald und Nancy Reagan - die Sycomore Ranch zum Verkauf stand, zögerte er nicht lange. Die Ranch wurde umgehend zu einem Klein-Disneyland um- und ausgebaut, und Gehege für Michaels Zoo mußten her. Jetzt, erst jetzt hatte er wirklich control, war sein eigner Herr und steckte die Füße unter seinen eignen Tisch. Sogar das Fan-Problem erledigte sich dank der abgeschiedenen Lage fast von allein: Es ist ein Abenteuer, bis zu Michaels Anwesen (natürlich im Tudor-Stil) vorzudringen. Es war für alles gesorgt. Fehlte nur noch ein passender Name.

Lange mußte er nicht suchen. Das Märchenreich, in das sich der Einzig Wahre Peter Pan aus dieser lauen Welt zurückzog, heißt selbstverständlich Neverland.








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