Samstag, 7. Mai 2016

3. Opferlamm und Goldesel.


Ein hochmusikalischer Bub von
 zwölf Jahren ist ein vollgültiger Künstler.
Nikolaus Harnoncourt

Der kulturelle Umschlagplatz zwischen Europa und Amerika sind die britischen Inseln. Über England war die schwarze Musik Anfang des Jahrhunderts nach Frankreich und Deutschland gekommen. Hier fand der Soul, vor allem in seiner „nördlichen“ Variante, ein solides Milieu von Jazz- und Blues-Freunden vor. Englands Jugend war in die verfeindeten Lager der Rocker und der Mods gespalten, und bei letzteren, den „moderaten“ Liebhabern des Sanften und Raffinierten, fand Motown rasch seine Abnehmer; genug, um eine eigene britische Filiale eröffnen zu können. Der große Einfluß, den The Sound Of Young America auf die Entwicklung der europäischen Unterhaltungsmusik nahm, ist dokumentiert in den zahlreichen cover-Versionen, die in ihren Anfangsjahren sowohl die Beatles als auch die Rolling Stones von Motown-Titeln gespielt haben - nicht nur live im Konzert, sondern auch auf Platte. (Ein cover nennt man die Neuaufnahme eines älteren, schon erfolgreichen Stücks durch neue Interpreten.) Beide Gruppen, die seither selber Musikgeschichte gemacht haben, verstanden sich am Anfang als R&B-Musiker. „Ursprünglich haben wir nur das gespielt, was uns gefiel, nämlich Rhythm& Blues“, erzählt Mick Jagger, und die Beatles gingen sogar mit den Motown-Stars gemeinsam auf Tournee, wenn sie aus Amerika herüberkamen. Smokey Robinson erinnert sich: „Sie achteten uns nicht nur, sie bewunderten uns richtig. Und wenn sie von den Reportern nach ihren Einflüssen gefragt wurden, dann schwärmten sie jedesmal von Motown.

Zurück zum Sommmer 1968. Schon drei Tage nach ihrem Besuch im Hitsville, USA-Studio wurden die Jacksons nach Detroit zurückbeordert. Ralph Seltzer wartete mit dem Vertrag. Ohne ihn lange zu studieren, unterschrieb Joe. (Wenige Jahre später sollte er diese Hast bereuen. Er hätte wissen können, daß Berry Gordy nicht im Ruf besonderer Großzügigkeit stand.) Die Jackson-Brüder gingen zunächst einmal weiter zur Schule, wie bisher, aber statt ihre Wochenenden auf der Wanderschaft von einer Bühne zur andern zu verbringen, fuhren sie jetzt regelmäßig zu Aufnahmesitzungen nach Detroit. Doch Monate gingen ins Land, ohne daß eine Schallplatte zustandekam. Mr. Gordy war einfach nicht zufriedenzustellen. Was immer die Jackson 5 ablieferten, wurde zurückgewiesen. Freilich, darauf gründete ja der Erfolg von Motown: daß Berry Gordy keine halben Sachen machte. Er war ein Perfektionist, und ehe er nicht absolut, wirklich absolut von einer Aufnahme überzeugt war, kam sie nicht auf den Markt. Aber diesmal kam noch etwas hinzu. Es stand nicht nur für die Jackson-Familie, sondern auch für Motown viel auf dem Spiel.

Seit einem Jahr bereits betrieb Gordy den Umzug seiner Firma aus der Motorstadt ins warme Kalifornien! Eine der größten Plattenfirmen, das größte Geschäftsunternehmen in schwarzer Hand - das war für seinen Ehrgeiz nicht genug. Er wollte einen Medienkonzern schaffen. Und dazu mußte er nach Hollywood. Aber das war riskant. Das Image - nein, der Ruhm Motowns stand auf dem Spiel. Wenn man sich so herzlos von seinen Wurzel losriß, mußte man schon mit etwas Besonderem aufwarten; Motown mußte einen act kreieren, der den Umzug nach Los Angeles glaubhaft verkörpern konnte. Da kamen die Jackson 5 gerade recht.

Eine Kinderband, das war mal was anderes, aber ganz einmalig war es nicht. Doch eine Kinderband, die das Zeug zur Nummer Eins hatte - das gabs noch nie! „Michael war der geborene Star, ein Naturereignis“ - das konnte Berry Gordy auf den ersten Blick erkennen. Motown war nicht nur die große Chance der Jackson 5, sondern die Jackson 5 waren auch eine große Chance für Motown. Freilich die letzte, aber das ahnte damals keiner.

Am allerwenigsten die Familie Jackson. Sie saßen wie auf glühenden Kohlen. Da waren sie nun endlich an ihrem heißersehnten und mit harter Arbeit wohlverdienten Ziel angelangt - dem Plattenvertag mit Motown; und dann wollte einfach nichts zustandekommen! Sollte etwa der Vertrag platzen, bevor er noch wirksam wurde? Im Haus 2300 Jackson Street, das nie ein Hort des Friedens gewesen war, wuchs die Spannung. Joe wurde noch gewaltsamer als sonst.

Ein ganzes Jahr harter, aber ergebnisloser Arbeit. Dann wurde es Berry Gordy zu bunt. Nein, er löste den Vertrag nicht, ganz im Gegenteil. Er beschloß vielmehr, die Dinge selber in die Hand zu nehmen, und befahl den Jacksons, zu ihm nach Hollywood zu kommen. Am 9. August 1969 trafen sie in Los Angeles ein. Zwei Tage drauf sollte eine Begrüßungsfeier im Daisy stattfinden, einer Disco, die in Beverly Hills gerade in Mode war. Es wurde ein großer Empfang - denn Motowns Zugpferd Diana Ross hatte alle eingeladen, die in der Branche Rang und Namen hatten.

Auf den Einladungskarten stand zu lesen: „Die Jackson Five mit dem sensationellen achtjährigen Michael Jackson werden live auftreten.“ Die fünf Brüder waren perplex, am meisten der Kleinste, der in knapp drei Wochen seinen elften Geburtstag haben sollte. Kaum einen Tag in Hollywood, hatten sie eine erste Lektion zu lernen. Motown sollte sie in den kommenden Jahren alle um zwei Jahre jünger machen: Das war gut für die Publicity. Und um auch gleich die erwünschte Aufmerksamkeit auf seinen neuen top act zu lenken, setzte Mr. Gordy die Legende in die Welt, die Kinderband sei von Diana Ross durch einen reinen Zufall, nämlich bei besagter Wahlkampfveranstaltung für den Bürgermeister von Gary entdeckt worden. Das hieß zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Einerseits wurde der neue, noch unbekannte Name öffentlich mit einem schon berühmten alten assoziiert. Und andererseits wurde so das Image von Diana Ross, die sich gerade anschickte, eine Solokarriere zu starten, aus der engen Verbindung mit The Supremes gelöst, mit denen sie bislang identifiziert worden war.

Die Jackson-Brüder würden sich schon bald daran gewöhnen müssen: In der Traumfabrik Hollywood interessiert nicht, ob etwas stimmt, sondern wie es sich anhört. Wenn aber Legenden ein wirkliches Geschäft begründen können, werden sie selbst zu einem Teil der Wirklichkeit - und werden „in einem gewissen Sinne“ wahr: Seit dem Aufstieg des Showbusiness zu einem mächtigen Industriezweig ist der Unterschied zwischen Schein und Sein nicht mehr so eindeutig, wie man vorher glaubte.
Die Empfangsparty wurde ein überwältigender Erfolg. Gordy hatte das Publikum vorsichtshalber mit den Angestellten von Motown durchsetzt, aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Die Gäste gerieten ganz aus dem Häuschen, und am nächsten Tag überschlug sich die Presse vor Begeisterung. Dem Aufstieg der Jackson 5 zum top act stand seitens des Publikums offenbar nichts im Wege. Jetzt mußte nur noch die richtig Platte gemacht werden.

Berry Gordy hatte den fünf Jungen enthusiastisch versprochen, er werde ihre drei ersten Platten zu Number-One-Hits machen, und zu Michael sagte er: „Aus dir mach ich das dickste Ding der Welt“ - I gonna make you the biggest thing in the world! Doch ohne gute Lieder war nichts zu machen. Das Geheimnis von Motowns Erfolg beruhte zur Hälfte auf Gordys fast übernatürlichem Gespür für künftige Hits und für künftige Stars. Die andere Hälfte war die absolute Professionalität seiner Produktionsmaschine. Beides spielte ineinander. Die Maschine produzierte pausenlos, und wenn ein Stück Gordy im Ohr klingelte, dann wurde nach allen Regeln der Kunst und des Handwerks so lange daran gebastelt, bis es ein Erfolg werden mußte. Und der Boss hatte sich nur selten geirrt.

Motowns erfolgreichste Hitlieferanten der sechziger Jahre waren das legendäre Trio aus den Brüdern Brian und Eddie Holland sowie Lamont Dozier gewesen. Aber sie hatten die Firma 1967 im Unfrieden verlassen (wie es übrigens alle Motown-Stars früher oder später taten). Umso wichtiger wurden die Jackson-Brüder für Berry Gordy: Soviel Neuanfang bei Motown mußte mit einem Paukenschlag gefeiert werden, um ihn dem Publikum glaubhaft zu machen. Vom gelungenen Einstieg der Jacksons hing zu viel ab, als daß Gordy dem Zufall eine Chance lassen konnte. Das hatte er noch nie getan - und diesmal schon gar nicht. Nichtmal die Interpreten selbst hatte Gordy von seinem Perfektionismus ausgespart. Auch an ihnen wurde so lange geputzt und poliert, bis sie hundertprozentig in das Bild paßten, das Gordys Fachleute für sie entworfen hatten. Zu diesem Zweck hatte Motown eine eigne Abteilung unterhalten, die Artist Development Division, ebenso legendär wie Motown selbst. Hier wurden die Künstler nicht nur gestylt, sondern sie bekamen ihren letzten Schliff; Stimmbildung, Gesangsunterricht, Bühnenchoreographie, aber auch gute Manieren, Interviewtechnik und alles, was sonst noch zum Showbiz gehört... Doch auch Artist Development war anläßlich der Umzugs von Detroit nach Los Angeles, der sich insgesamt von 1967 bis 1972 hinzog, abhandengekommen. Für die Jacksons wurde, angesichts ihrer großen Bedeutung für die Firma, eine individuelle Betreuung beschlossen, und Gordy übertrug sie seiner damals erst vierundzwanzigjährigen Assistentin Suzanne de Passe.

Doch viel wichtiger für den gerade elfjährigen Michael: Zum erstenmal ist er von seinen Geschwistern und von seinem brutalen Vater getrennt! Die Jackson-Familie war ohne Wohnung in Los Angeles, und bis etwas Passendes gefunden wurde, sollte viel Zeit vergehen. Die Mutter und die Schwestern waren mit dem kleinen Randy in Indiana geblieben, das dortige Haus mußte verkauft werden, aber es war ja noch gar nichts entschieden... Joe und die älteren Brüder wohnten einstweilen bei Gordy in dessen großem Haus in Hollywood, der jüngste der Jackson 5 kam aber zu Diana Ross, nur ein paar Hausnummern weiter unten.

Auf einmal stand die Welt Kopf für den kleinen Negerjungen aus den ärmlichen Verhältnissen in der kalten Industriestadt am Michigan-See. „Alles war so neu und aufregend für mich. Es war, als hätte sich die Welt in einen wundervollen Traum verwandelt“, schwärmt Michael rückblickend in Moonwalk; „ich war damals nicht zu bändigen.“ Südkalifornien im Winter - sanfter, sonniger, freundlicher als Gary im Hochsommer. Disneyland, Sunset Strip, das Meer – „Jeder Tag war anders!“ Ganz anders jedenfalls als das bisherige Leben der Jackson-Brüder, das nur aus Entbehrung und rastloser Arbeit bestanden hatte; „tagein, tagaus proben“! Selten mal etwas Ruhe, noch seltener ein fröhlicher Augenblick, aber immer - die Furcht vor dem grausamen Vater. Anderthalb Jahre sollte Michael bei Diana wohnen. Aus dem wenigen, was Michael Jackson bislang über sein Leben zu erzählen bereit war, klingt durch: Das war der einzige glückliche Abschnitt. „Es war eine rauschende Zeit.“

Diana Ross stand gerade auf jenem Höhepunkt einer Karriere, den man im Rahmen einer Gruppe erreichen kann. Mit dem Trio The Supremes war sie an die Spitzen der Charts vorgerückt und zum Flaggschiff von Motowns Crossover-Sound geworden. Aber auch privat stand sie bei Berry Gordy ganz obenan. Wie so viele seiner Stars, hatte er sie selbst entdeckt, gefördert und aufgebaut. Dabei waren sie sich menschlich näher gekommen, als es fürs Gordys Ehe gut war. Aber es war eine stürmische Beziehung, das wußte jeder bei Motown. Der kleine Michael bekam es jetzt auch mit. Zugleich nahm er sich die Rolle der guten Fee, die Diana öffentlich für ihn und die Jackson 5 zu spielen hatte, sehr zu Herzen. Sie war die erste schwarze Schönheit, die auch weiße Männer zum Träumen brachte, und den kleinen Michael erinnerte sie an seine eigne, daheim zurückgelassene Mutter, „als sie noch jünger war“. Sie ging mit ihm in Museen und brachte ihm die Malerei näher, in der sie sich selbst versuchte. Bei ihr begann Michael zu zeichnen (und macht es bis heute nicht schlecht). „Sie war zugleich meine Mutter, meine Geliebte und meine Schwester - vereint in einer einzigen, aufregenden Person.“

Aber nicht zum Zeichnen und Schwimmen hatte ihn Berry Gordy nach Beverly Hills geholt. Endlich war auch ein passender Song gefunden worden. Nach dem Weggang von Holland-Dozier-Holland war bei Motown eine neues Komponisten- und Produzenten-trio am Werk, bestehend aus Freddy Perren, Fonze (Alfonso) Mizelle und Deke Richards, die so erfolgreich wurden, daß sie sich unter der Firma The Corporation ins Handelsregister eintragen ließen. Für Gladys Knight and The Pips hatten sie I Want To Be Free verfaßt, aber Gordy ließ es für die Jackson-Jungens in I Want You Back umschreiben. Fieberhaft arbeitete The Corporation mit den fünf Jungen, und nach zwei Dutzend Aufnahmen waren sie so zufrieden, daß das Ergebnis dem Boß vorgespielt wurde. Der hängte noch ein halbes Dutzend Aufnahmen dran, und dann gab auch er sein OK.

Es war höchste Zeit. Am 18. Oktober 1969 hatten die Jackson 5 ihr Fersehdebüt - bei ABC in der Sen-dung Hollywood Palace, und bei der Gelegenheit wurde I Want You Back vorgestellt. Gleichzeitig kam die Single in die Läden. Berry Gordy behielt recht: In der vierten Januarwoche des Jahres 1970 war I Want You Back die Nummer eins der Billboard Charts - Pop und Black gleichermaáen.

Rechtzeitig fürs Weihnachtsgeschäft war eine erste LP auf die Ladentische gekommen, Diana Ross presents The Jackson Five. Auch sie wurde Nummer eins in den Pop- und den Black Charts. Als Produzent zeichnete Bobby Taylor, dessen Anteil an Motowns Neuentdeckung doch nicht ganz ungewürdigt blieb. Und am 14. Dezember traten die fünf Jungen aus Gary, Ind. in der Ed Sullivan Show auf. Das war der Adelsschlag des Showbiz, denn es war Ed Sullivan, der nicht nur Elvis Presley, sondern auch die Beatles einem nationalen Publikum vorgestellt hatte. Diana saß mit den Supremes im Saal und ließ sich von Sullivan zur Entdeckung der Jackson-Brüder gratulieren: „Sie sind wirklich umwerfend! Besonders der kleine Kerl da vorn ist unglaublich.“ Das war der Durchbruch.

Im Februar folgte die zweite Single, ABC. Die erste hatte mit Worten wie „Oh Baby, gib mir nochmal eine Chance! Ach laß mich doch zurück in dein Herz!“ im Mund eines eben Elfjährigen etwas eigenartig geklungen, doch die Nummer zwei war ganz auf ein Publikum abgestimmt, das so alt war wie die Künstler selbst... Musikalisch war sie eigentlich nur eine Variante der ersten, doch deren Erfolg war groß genug, um diesen Abklatsch noch zu vertragen. In der vierten Aprilwoche war ABC Nummer eins bei Billboard. Und das war mehr als nur ein Erfolg. Das war fast schon ein historisches Ereignis; denn das Lied, das ABC vom ersten Platz verdrängte, war kein anderes als Let It Be von den Beatles! Die hatten damit gerade einen Rekord aufgestellt: Mit Let It Be waren sie auf Anhieb auf Platz 6 in den Top 100 bei Billboard eingestiegen - das hatte es noch nie gegeben! Es sollte exakt ein Vierteljahrhundert dauern, bis ihr Rekord gebrochen wurde. (Und ahnen Sie, lieber Leser, von wem?)

Und gleich noch einmal mußten die fabelhaften vier Liverpooler den Jungens aus Gary, Ind. weichen: In der letzten Juniwoche verdrängte die Single The Love You Save aus dem ABC-Album den Beatles-Hit Long And Winding Road vom ersten Platz. - Wenn man heute die beiden ersten Alben der Jackson 5, die längst als CD vorliegen, wieder anhört, ist man nicht ganz sicher, was ihren Erfolg damals begründet hat. Es ist Musik für teenyboppers, die allerjüngste Käufergruppe, alles ziemlich schnell, die Begleitung liegt fast ganz bei der Rhythmusgruppe, aber artig und gepflegt. Es ist bubblegum soul - so genannt nach der bevorzugten Kaugummimarke dieses Publikums. Es schmälert die Leistung der fünf Jungen nicht, wenn man die Wandlungen des Zeitgeists erwähnt, die ihren Erfolg ermöglicht haben. Vom 15. bis 18. August, eine Woche nach der Ankunft der Jackson 5 in LA, hatte in Woodstock im Staate New York das größte Rockkonzert aller Zeiten stattgefunden - der Höhepunkt der Hippie-Kultur der sechziger Jahre. Aber, wie sich zeigen sollte, auch ihr Schlußpunkt. In der Nacht, als die Jungens bei Berry Gordy eintrafen, fand zwei, drei Meilen weiter weg ein Verbrechen statt, das damals kaum weniger Beachtung fand, als das Rockfestival an der Ostküste, nämlich die Ermordung der Schauspielerin Sharon Tate durch Anhänger der Teufelsanbetersekte von Charles Manson. Das anständige Amerika war entsetzt. Das also waren die Folgen der Sex-, Drogen- und Rock'n'Roll-Bewegung!

Das Bild der Jacksons als einer sauberen, adretten und wohlerzogenen Großfamilie, die sich aus eigener Kraft von ganz unten nach weit oben gearbeitet hatte, entsprach haarscharf den traditionellen Werten des „amerikanischen Traums“. Und doch verkörperten sie nicht einfach die gesellschaftspolitische Reaktion und eine bloße Wendung nach rückwärts: Sie repräsentierten den Fortschritt, denn sie waren - schwarz. Sie waren die Zukunft - aber ganz harmlos! Ihr Erfolg war der Beweis, daß die Integration der „Afro-Amerikaner“ in die weiße Gesellschaft auf guten Wegen war - und daß sie nicht der Unordnung, der Ungesetzlichkeit, des Aufruhrs bedurfte, sondern auf den bewährten W-gen des amerikanischen Mittelstandes voranschritt: Bildung und Eigentum! Darauf hin hatte Berry Gordy das Erscheinungsbild der Jackson 5 getrimmt, und vor allem die Legende von ihrem liebevollen, behüteten Familienleben war so wesentlich für den Erfolg, daß eigentlich alle daran glaubten; beinah auch sie selber.
Der harmlose, fröhliche, unbeschwerte Klang des Bubblegum Soul der Jackson 5 traf den Nerv der Zeit. Musik für die ganze Familie, das konnten Mummy und Daddy im Fernsehen bedenkenlos mit ihren Kindern angucken. Aber ein Zeitbedürfnis kann sich schnell ändern. Es ist wie Sand, auf den man nicht bauen kann. Gordy wollte etwas Dauerhaftes. Die Kinderband mußte zeigen, daß sie mehr konnte als nur Unterhaltung für Gleichaltrige (und ihre Eltern).

The Corporation hatte gehalten, was Gordy versprochen hatte - drei Nummer-Eins-Hits in Folge, gleich zu Beginn. Das war bereits ein Rekord. Doch nun nahm der Boß die Dinge abermals selbst in die Hand. Gordy bastelte eine langsame Ballade mit viel Gefühl, bei denen die unverbrauchten Stimmen des elfjährigen Michael und des fünfzehnjährigen Jermaine so recht zur Geltung kamen. Ein Liebeslied mit Herz und Schmerz aus Kindermund - konnte das gutgehen? Bei Motown war man sich einig: Das mußte ein Flop werden. Aber wer durfte dem großen Boß widersprechen?

Am 19. Mai hatten die Jackson 5 im Los Angeles Forum ihr erstes öffentliches Konzert als Motown-Truppe gegeben, vor 18 000 Zuschauern, es war zu Tumulten gekommen, Mädchen fielen in Ohnmacht wie letztmals 1965 beim Besuch der Beatles in Hollywood Bowl. Da war Gordy seiner Sache sicher. Im August kam ihre vierte Single auf den Markt. I'll Be There wurde zum gr”áten Erfolg, den die Jackson 5 je hatten. Der drittgrößte Hit in Motowns ganzer Geschichte. In der letzten Septemberwoche ist es so weit: Die vier ersten Singles waren Number-One-Hits in den Billboard-Charts geworden. Berry Gordon hatte sein Versprechen überboten. Und wieder war Motowns charakteristisches Crossover-Rezept aufgegangen: Nummer-Eins-Hits in den Pop- und den Black-Charts zugleich!

Zum erstenmal begegnet uns in I'll Be There aber auch jene beunruhigende Mehrdeutigkeit, die den kleinen Michael sein Leben lang begleiten soll - und in der wohl das Geheimnis seines Welterfolges liegt. Es ist ein Liebeslied. Ein Junge schwört seinem Mädchen ewige Treue: Wherever you need me - just call my name, and I'll be there; wo immer du mich brauchst - ruf nur meinen Namen, und ich bin da. Aber es ist ein kleiner Junge, der da singt, und ein größerer Junge, der ihm antwortet, die Stimmen sind voller Ausdruck, aber sie sind durchsichtig und knabenhaft spröde, sie passen nicht zum Text! Man kann also I'll be there auch als eine Hymne auf die Bruderliebe hören, wenn man will. Man kann es überhaupt so hören, wie man will, es steht nichts fest. Nur eines kann man nicht: man kann es nicht wörtlich nehmen.

You and I must make a pact
We must bring salvation back
Just call my name
And I'll be there.
I reach out my hand to you
I'll have faith in all you do
wherever you need me
I'll be there.

1992 brachte Mariah Carey bei Motown ein Remake von I'll Be There heraus, das ebenfalls auf Platz eins gelangte. Was man sonst auch von der Aussagekraft ihrer Stimmakrobatik halten mag: Die neue Eindeutigkeit bekommt dem Lied jedenfalls nicht. - Auch Michael Jackson singt das Lied - übrigens als einzigen Titel aus seiner Kinderkarriere - noch heute auf seinen Tourneen. Aber bei ihm ist es kein bißchen eindeutiger als damals: Ist es der große Jacko, der da singt - oder immer noch Little Michael von den Jackson5?

Berry Gordy hatte seine Wette gewonnen, das nächste Album - schlicht Third Album betitelt - hatte auf der A-Seite nur seelenvolle langsamere Stücke, darunter ein beachtliches Cover von Simon & Garfunkels Superhit Bridge Over Troubled Water, das Jermaines Stimme noch einmal voll zur Geltung brachte. Abgeschlossen wurde die A-Seite von einem heißen Tanzstück, das zur flotteren B-Seite überleitete, Goin' Back to Indiana, das überraschend nach The Family Stone klingt und die triumphalen Rückkehr der Jackson5 in ihre Heimat vorbereiten sollte. Am 9. Oktober waren die Jungen nämlich zur ihrer ersten Tournee durch die USA aufgebrochen. Es sollte ein einziger Siegesmarsch werden, mit allem, was dazugehört, ohnmächtigen Fans, Krankenwagen, Verkehrschaos, Bombendrohungen. Jacksonmania tauft es die Presse, in Anlehnung an „Beatlemania“, den Triumphzug der Beatles fünf Jahre zuvor. Mitten in die Tournee fällt die Auslieferung von The Jackson5 Christmas Album, die ihr familiäres Image festklopfen soll. Ein Höhepunkt der Tournee ist im November ihr ausverkauftes Konzert im Madison Square Garden in New York. Den Abschluß bilden zwei Benefiz-Konzerte im schnee-bedeckten Gary, Ind. zur Wiederwahl von Bürgermeister Richard Hatcher. Zum Empfang wird für eine Woche die Jackson Street in Jackson5 Boulevard umbenannt, und vor dem Haus N° 2300 wird ein Schild aufgestellt: Welcome home Jackson5 - keepers of the dream - Willkommen zuhaus, Bewahrer des Traums! Und an der Staatsuniversität von Indiana wird eine Plakette enthüllt, die der Jackson5 gedenkt, die „den jungen Leuten die Hoffnung zurückgebracht“ haben...

Ja, so sieht der Ruhm aus.

Es werden noch viele siegreiche Tourneen folgen, weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus, und die Jackson5 werden auch mit ihrer nächsten LP noch einen großen Erfolg feiern. Da werden die älteren Brüder auch noch live ihre Instrumente spielen. Auf Motowns Platten, wo alles hundertprozentig sein mußte, war von Anfang an eine Studioband zu hören. Heute, da die Konzerte längst vergessen und nur die Schallplattenaufnahmen zurückgeblieben sind, muß man rückblickend sagen: Die große Zeit der Jackson5 währte ein ganzes Jahr. Sie waren eine Zeiterscheinung. Ihr Schlachtroß war ihr Jüngster, „Little Michael of the Jackson Five“, wie er von nun an für lange Jahre heißen sollte, der Kleine Michael von den Jackson5. Der war die Ausnahme. Der sollte dauern. Der war ein künstlerisches Genie - das konnte man hören und sehen.

Wir schreiben nicht die Geschichte der amerikanischen Popmusik, sondern die Lebensgeschichte des größten Stars aller Zeiten. Was immer sonst zu seiner schwindelerregenden Karriere beigetragen haben mag - ohne seine außerordentliche Begabung wäre gar nichts gegangen. Aber was hat es damit auf sich? Sicher, „wo“ er sie „her“ hat, werden wir nicht ergründen. Aber worin liegt sie, woraus besteht sie? Kann man sie mit irgendetwas Vertrauten vergleichen? 

Zuerst einmal war er ein Sänger. Daß Knabenstimmen vor dem Stimmbruch mitunter eine eigentümliche, herb-süße Schönheit, ein Art glühende Kühle entwickeln, die zugleich das Gefühl von Wagemut und das von Gefährdung vermittelt, ist weithin bekannt, wennauch nicht von allen geschätzt. Daß unter den musikalischen Wunderkindern die Jungen überwiegen, ist ebenso bekannt (ohne daß man freilich eine Erklärung dafür hätte). So ganz einzigartig wäre Michael Jackson in dieser Hinsicht also nicht - wenn es nur das wäre...

Es ist aber nicht nur das. Deutlich wird es beim Vergleich von Little Michael mit Little Stevie Wonder - jenem anderen noch heute weltberühmten Wunderknaben, den Berry Gordy entdeckt hat. Halten wir eingangs fest, daß man sie natürlich gar nicht vergleichen kann, und dann tun wir's doch. Little Stevies rabenschwarzer Knabenalt kommt ohne Umweg, wie man heute sagen würde, aus dem Bauch. Er ist ein Naturgenie. Man hört es deutlich: würde es durch künstlerische Absicht gefiltert, so würde es gebrochen. Die Probe aufs Exempel: Das eindrucksvollste Dokument aus Stevie Wonders Kinderkarriere ist der Live-Mitschnitt eines Konzerts aus dem Jahre 1963, Little Stevie Wonder, 12-year old Genius. Danach mag man seine Studioaufnahmen aus derselben Zeit nur noch mit Betrübnis hören. Aber das ist nicht der springende Punkt. Little Stevies tiefe Stimmlage ist naturgemäß ausdrucks-, d. h. modulationsfähiger als Little Michaels helles Kinderstimmchen. Er hat den natürlichen Soul-Klang. Und dennoch: Wenn der blinde Stevie singt, dann klingt es, und sei sein Lied noch so traurig, als bräche nach einem verregneten Vormittag kurz vor zwölf doch noch die Sonne durch.

Der Kleine Michael kann singen, was er will, es zerreißt einem das Herz. Ob es sentimentale Balladen wie I'll Be There oder (später) Ben waren oder betont fröhliche Stücke wie Rockin' Robin und  Goin' Back To Indiana: „Er sang alles mit einem tüchtigen Schuß Schmerz. Dabei war er doch noch ein Kind! Wo hatte er bloß diesen Schmerz her?“ erinnert sich sein Mentor Berry Gordy. „Als habe er alles, was er sang, schon selber erlebt!“ Und Smokey Robinson, damals zum inneren Kern der Motown Family zählend, sagt: „Michael war ein merkwürdiges und liebenswertes Kind. Mir kam er immer vor wie eine uralte Seele in einem Knabenkörper.“

Little Stevies jubilierender Soul ist sozusagen mehr Gospel. Michaels klagender Soul ist mehr Blues. An der Stimmphysiologie allein kann es kaum liegen. Da muß die Persönlichkeit des Interpreten im Spiel sein. Der kleine Michael wird allenthalben als ein fröhliches Kind geschildert. Unter seiner unersättlichen Spottlust und seinem Schabernack hatten die älteren Geschwister nicht wenig zu leiden. Wenn man seiner älteren Schwester glauben will, war er eines dieser kleinen Monster, die man am liebsten erwürgen möchte. Aber im Gesang des Elfjährigen ist es nicht zu überhören: Die heitere Fassade verbirgt schon damals eine tiefe Traurigkeit. Little Michael of the Jackson5 wäre nicht das erste schwermütige Kind gewesen, dem es durch forcierte Lustigkeit gelang, von sich abzulenken - nicht zuletzt sich selber. Schwermut, egal woher sie kommt, ist nicht eins von diesen modernen „Bedürfnissen“, die „ganz wichtig“ sein wollen. Sie will vor allem in Ruhe gelassen werden.

Gemerkt hat es damals wohl keiner. Man darf annehmen, daß der Motown Family die Wahrheit über das Familienleben der Jacksons so wenig verborgen geblieben ist wie ihnen selbst. Aber sehen und wahrnehmen sind zweierlei. Kein Betrug ist so erfolgreich wie der Selbstbetrug.

Der Ausdruck „Motown-Familie“ war übrigens mehr als nur ein Reklame-Slogan. Berry Gordy hattte seinen Konzern tatsächlich wie einen großen Familienclan aufgezogen, über den er herrschte wie ein Patriarch. Es fing damit an, daß er von vornherein seine Geschwister, Cousins, Nichten und Neffen, Onkels und Tanten an allen Schlüsselstellen der Firma unterbrachte. Bei Motown ging es so vertraulich und auch so autoritär zu „wie in einer richtigen Familie“. Alle Musiker, alle Techniker, alle Bürokräfte - Diana Ross hatte bei Motown als Gordys Sekretärin angefangen - wurden in diesen trauten Kreis hineingezogen, der nach außen hermetisch abgedichtet war. Es entsprach dem Temperament des menschenscheuen, zurückhaltenden Firmenchefs, sich die Neugier der Medien vom Hals zu halten. Die Geheimniskrämerei, mit der er alles umgab, was mit Motown zu tun hatte, erwies sich freilich auch als eine geniale PR-Strategie. Wenn die Blätter nichts wußten, mußten sie raten, ihre Phantasie betätigen, die Storys, die sie schreiben wollten, selbst erfinden. Durch gezielte Fehlinformationen konnte man die Spekulationen erst recht anheizen - um dann trocken zu dementieren. So wurde man überhaupt erst richtig interessant. - Kommt Ihnen das bekannt vor, lieber Leser? Der größte Star aller Zeiten hat immer wieder gerühmt, wieviel er bei Berry Gordy gelernt hat. Das gehört auch dazu.

Aber bitte: Berry Gordy ist wirklich schüchtern, ist wirklich menschenscheu. Wird es unecht, weil es außerdem auch noch verwertet wird? Entertainment ist ja ein Geschäft, wo das Erscheinungsbild, das Design dem Produkt nicht nachträglich von außen hinzugefügt wird, sondern - sie sind das Produkt selbst! Da gibt es überhaupt nur zwei Möglichkeiten. Entweder man setzt etwas in Szene, was man in Wirklichkeit nicht ist. Oder man setzt das in Szene, was man wirklich ist. Aber in Szene gesetzt ist es in jedem Fall. Daraus besteht nämlich das ganze Gewerk. Was es ist und wie es aussieht ist hier ein und dasselbe: Es ist Kunst.

Michael kam sich in Südkalifornien wie im Paradies vor. Statt der Enge, des Kleinlichen und Schäbigen seiner bisherigen Existenz war hier alles weit, großzügig und schön. Und endlich war die ständige, zentnerschwere Sorge von ihm gewichen: Ob wir es jemals schaffen werden? Auf einmal war das Leben leicht. Da merkte er gar nicht, daß er bei Motown in einer Art Retorte gelandet war. Die Rundreise auf dem Chitlin Circuit, das Regal in Chicago, das Apollo in Harlem, das Uptown in Philadelphia - das war, bei aller Schinderei, doch auch das pralle Leben gewesen. Als Star bei Motown - das war eine Existenz in vitro. Ein kleiner Kreis bekannter Gesichter - dahinter war die Welt zuende. So wie damals, eingesperrt in dem Häuschen  2300, Jackson Street! Nur viel luxuriöser... Später, während der monatelangen Konzerttourneen, sollte es ihm aufgehen: Er lebte wie ein Gefangener.

Inzwischen war die ganze Jackson-Familie in Hollywood versammelt. Motown hatte eine Villa in der Queen Road gemietet, aber da gab es bald Ärger mit den Nachbarn: Es war zu laut, die Kinderband probte noch immer jeden Tag. „Wir sind ausgezogen, weil die Häuser zu dicht beieinander standen. Wir hatten im Haus ein Studio eingerichtet, 16 Spuren! Und wenn wir probten, haben sich die Nachbarn beschwert. Da sind wir ausgezogen. Aber nur ein Star hat sich beschwert. Frank Sinatra hat über uns gewohnt.“ 
Was denn, Frank Sinatra hat sich beschwert? „Nee, der hat sich nie beschwert. Aber sein Balkon war direkt über uns!“, plappert der inzwischen Zwölfjährige - damals noch nicht der schweigende Schrecken aller Reporter. Auch in dem neuen Heim, das Motown für sie gemietet hatte, blieben die Jacksons nur bis zum Frühjahr 1971. Dann erstand Joseph Jackson für eine Viertelmillion Dollar ein Grundstück in der Hayvenhurst Alley in Encino mit einer 22-Zimmer-Villa. Encino liegt nördlich von Los Angeles, am jenseitigen Hang der Hollywood Hills, etwa vierzig Autominuten außerhalb der Millionenstadt. Hier waren sie nicht mehr die Nachbarn von Berry und Diana, hier waren sie wieder ganz unter sich - so wie Joe es wünschte. Anders als man vielleicht erwarten sollte, war der Vater durch den Erfolg, der alle Hoffnungen weit übertroffen hatte, kein wenig sanftmütiger geworden. Er war zwar jetzt ein reicher Mann, aber als Manager seiner Kinder hatte ihn Gordy praktisch ausgebootet. Sein Name stand wohl in dem Vertrag mit Motown, aber in Wirklichkeit traf Suzanne de Passe die wichtigen Entscheidungen (falls sie sich der Boß nicht selber vorbehielt). Je weniger er im Geschäft zu melden hatte, umso stärker trumpfte er zuhause auf. Es hagelte Schläge wie eh und je, und die Demütigungen blieben an der Tagesordnung. „Er gab uns das Gefühl, wir seien völlig wertlos und taugten zu gar nichts“, sagt Michael. Sein Standardsatz: You're all nuthin' – „ihr seid alle Nichts!“ Joe Jackson schrieb nämlich den Erfolg seiner Söhne nicht ihnen, sondern... seiner harten Hand zu. Selbst Little Michaels geniale Veranlagung schien er für sein eigenes Verdienst zu halten.  

Die Rede ist hier nicht von zwar beklagenswerten, aber gelegentlichen Exzessen. Es ist weniger banal. Wir reden von einem Leben in Furcht und Schrecken. „Schon ein Blick von ihm ließ einen schaudern. Ich hatte furchtbare Angst vor ihm. Mir wurde schon schlecht, wenn er mir nur nahekam. Ich mußte mich sofort übergeben. Als Kind, aber auch noch als Erwachsener.“ Das erzählte der inzwischen vierunddreißigjährige Michael vor sechzig Millionen Zuschauern.

So war es mit der ungeheuren Leichtigkeit des Seins bei den Ersatzeltern Berry und Diana schon nach wenigen Monaten vorbei. Immerhin - die Mutter war wieder da. In den ersten Wochen hatte Michael eine normale Grundschule in LA besucht und folgte dann Marlon an die Emerson Junior High School in Beverly Hills, aber da blieb er nicht lange: Nach zehn Tagen gab es die erste telefonische Bombendrohung, und beide Jungen wurden eilig im exklusiven Buckley-Institut im nahegelegenen Sherman Oaks untergebracht.

Doch oft sollte Michael die Schulbank nicht mehr drücken. Von nun an verbrachte er einen Gutteil seines jungen Lebens wieder unterwegs - auf der Reise von Konzert zu Konzert, von Fernsehshow zu Fernsehshow. Die erste große Tournee war im Oktober 1970 gestartet und ging erst an besagtem 31. Januar in Gary zuende. Nach mehreren Live-Auftritten im Fernsehen begann im Sommer die zweite USA-Tournee mit rund 40 Konzerten, die erst am 12. September in Honolulu auf Hawaii endete. Und zum Jahresende folgte gleich die nächste Tour mit Auftritten in fünfzig amerikanischen Städten. Begleitet wurden die Jackson5 bei ihrem Wanderleben von ihrer mütterlichen Hauslehrerin Rose Fine, die sich alle Mühe gab, die Lücken im Lehrpensum der Jungen nicht allzu groß werden zu lassen. Ihr oblag auch die religiöse Unterweisung des jungen Stars, an der Michael - der als einziger Bruder seine Mutter und die älteren Schwestern zu den sonntäglichen Versammlungen der Zeugen Jehovas zu begleiten pflegte - großen Anteil nahm. Berry Gordy hatte immer darauf geachtet, daß seine jugendlichen Künstler nicht ihre Allgemeinbildung vernachlässigten - denn wie lange so eine Karriere im Show-geschäft dauert, weiß keiner im voraus... Als er 1960 den gerade zehnjährigen Stevie Wonder unter Vertrag nahm, verpflichtete sich Motown, dem früh erblindeten Jungen eine angemessene Schulbildung an der Michigan High School for the Blind zu ermöglichen, wo Stevie 1969 seinen Abschluß machte. Doch das Tutoren-Regime für Michael Jackson war nur ein Notbehelf. Der kluge, bis heute unstillbar neugierige Junge, der immer alles wissen will, kam intellektuell nicht auf seine Kosten. Noch jetzt leidet Michael Jackson unter dem Gefühl, nicht genügend gelernt zu haben, und verschlingt jedes Buch, das ihm in die Finger fällt - vielleicht etwas wahllos. Als er während der Bad-Tournee im Herbst 1988 zum erstenmal in Berlin war, ließ er sich dort am Vorabend des Konzerts für mehrere Stunden in der größten Buchhandlung am Platz einschließen - und wühlte selbstvergessen in den zehntausenden Bänden, deren Sprache er nicht verstand.  

Was Michael während dieser zweiten Wanderzeit am meisten belastete, waren denn auch nicht Stress und sogenannte Reizüberflutung, sondern im Gegenteil - die bleierne Langeweile. „Uns ging es vor allem darum, die Langeweile zu bekämpfen, die uns heimsuchte, wenn wir zu lange auf Tournee waren. Da waren wir also eingesperrt in diese Hotelzimmer, weil wir wegen der Horden kreischender Mädchen nicht auf die Straße gehen konnten, und wir wollten doch unsern Spaß haben.“ Zwar erzählten die Brüder den Reportern, die es gerne hörten, das Leben auf Tournee sei „der lebendigste Geographieunterricht, den man sich wünschen kann“. Doch das war ein bei Motown einstudierter Spruch. In Wirklichkeit bekamen sie die Städte, durch die sie kamen, gar nicht zu sehen. Überall in den Straßen und vor den Hotels lauerten Tausende aufgeregter Fans, um einen Blick  zu erhaschen oder sie womöglich einmal anfassen zu können, und das war - auch ohne Bombendrohung - gerade gefährlich genug. Wie leicht konnte es zu einer Panik und zu einem Unfall kommen! Tatsächlich mußte im November 1970 ein geplanter Auftritt in Buffalo, N.Y. abgesagt werden, weil kurz zuvor in einem Stadion ein Mädchen zu Tode gekommen war - die entsetzten Eltern wollten ihre Kinder nicht mehr ins Konzert lassen.

Für die zweite Tournee im Sommer '71 war daher ein ehemaliger Polizeibeamter als Sicherheitschef der Jackson5 angeheuert worden, Bill Bray, der noch bis 1995 diese Arbeit fr Michael Jackson machen sollte. Für den Alltag der Jungen bedeutete das: Stunde um Stunde in Hotelzimmern hocken, die überall gleich aussehen und mit denen man doch nicht vertraut wird. Wie schlägt man unter solchen Umständen die Zeit tot? Kartenspiele, Monopoly, Kissenschlachten, Wettrennen durch die Korridore, wassergefüllte Luftballons, die auf die andern Gäste niedergehen, Lausbubenstreiche gegen die paar Leute, die zur Hand sind: Hotelpersonal, Begleitmusiker und... wer noch ? Viele sind es nicht. Sie finden es auch nicht komisch, wenn zum xten Mal ein Wassereimer von der Türkante fällt. Lionel Richie, der damals mit seinen Commodores im Vorprogramm der Jackson 5 auftreten durfte, erzählt, wie sie ihre Schuhe, die sie über Nacht zum Putzen vor die Tür gestellt hatten, des Morgens mit Eiswürfeln angefüllt fanden... Zwar wird Michael auch auf diesem Gebiet als sehr erfindungsreich geschildert, doch noch der ausgefallenste Streich hat ein Aroma von schonmal-dagewesen, wenn - sonst den ganzen Tag nichts passiert.

Aber doch, es passiert ja was - abends: das Konzert! Die Show! Zehntausende begeisterter Menschen, die gar nicht genug bekommen können, wenn die fünf Brüder singen und tanzen, was das Zeug hält, immer bis hart an die Grenze ihrer jugendlichen Kraft. Nie war es dem kleinen Michael deutlicher gewesen: Das wahre Leben, das ist die Bühne, das ist der Auftritt. Der Rest ist nur Vorbereitung, Warten, Pause.

Man sieht es ihm an auf den Fernsehaufzeichnungen, die anläßlich jedes Michael-Jackson-Specials immer wieder mal gezeigt werden. Das eindrucksvollste: Who's Lovin' You, ein Stück von Smokie Robinson, das die Brüder zu ihrem Einstand bei Ed Sullivans Show im Dezember 1969 dargeboten hatten - jene Nummer, wo Michael den großen rosa Hut trägt. Er legt allen Ausdruck in sein Lied, in seine Mimik, in die Gesten, er geht völlig darin auf, „als hätte er das alles selber erlebt“, wie Gordy sagte. Doch da - zwischen zwei Drehungen, kaum wahrnehmbar, ein kurzer, prüfender Blick in den Saal, ob ihm das Publikum wohl noch folgt; wie ein uralter Profi! Und schon versinkt er wieder in seinem Lied... Wir Europäer entdecken Little Michaels Kinderkarriere im nachhinein, aus der Sicht von Thriller, Bad und Dangerous. Uns hatte jene einmalige Verbindung von ausgebufftem Professionalismus mit ungebrochen kindlicher Expressivität fasziniert, und bei diesen alten Aufnahmen sehen wir - damals war er auch schon so, schon „ganz der Alte“! Doch nach kurzem Staunen fragt man sich: Worüber soll man sich mehr wundern? Daß er bereits als Kind so war - oder daß er als Erwachsener immer noch so ist?

Als Erwachsener - ist das bei Michael Jackson überhaupt ein passendes Wort? - Diese Frage ist vielleicht die Antwort auf die vorangegangene! Schließlich identifiziert sich der erwachsene Jacko demonstrativ mit Peter Pan, dem Jungen, der nie erwachsen wurde, weil er - nicht wollte. Wie es mit dem kleinen Michael so weit kam, wollen wir in diesem Buch erzählen.

Also zurück zu unserer Geschichte. Es ist eine merkwürdige Erscheinung im Showgeschäft, daß der Erfolg eines Künstlers beim Konzertpublikum nicht unbedingt mit dem Verkaufserfolg seiner Schallplatten zusammenhängt. Die Jacksonmania kochte erst 1972 und '73 ihrem Höhepunkt entgegen. Jede neue Tournee wurde länger und größer als die vorige. Im Oktober '72 starten sie zu ihrer ersten Auslandstournee. Nach Europa, nachdem sie bei Motowns großer England-Kampagne im Jahr 1970 noch nicht mitgedurft hatten - wegen der dortigen Schutzbestimmungen gegen Kinderarbeit, die dem noch nicht ganz zwölfjährigen Michael das Auftreten unmöglich machten. Nun brachen sie im Liverpool Empire den Zuschauerrekord, den dort die Beatles gehalten hatten, und trugen die Jacksonmania zu den Briten. Die Szenen, die sich auf ihren Konzerten abspielten, waren des Aufruhrs um die Fabulous Four würdig. Doch ihr dortiger Plattenumsatz kam nicht entfernt an die heimischen Rekorde heran.

Daheim im März 1971 war die Single Never Can Say Goodbye noch auf Platz zwei der Pop-Charts gekommen. Aber ihr viertes Album Maybe Tomorrow, das im April folgte, schaffte es nicht mehr in die Top Ten der Pop-Charts, und blieb auf dem elften Platz hängen - nachdem die ersten drei Alben bis auf Platz vier und fünf vorgedrungen waren; und die Single-Auskoppelung des Titelsongs schaffte es gar nur noch auf Platz 20. In den Black Charts kam das Album zwar auf den ersten Platz - aber das war auch nicht unbedenklich! Sollten die Jackson5 etwa ihr Crossover-Image einbüßen und zu einer „schwarzen“ Gruppe werden? Für das Plattengeschäft mußte sich Motown nun etwas einfallen lassen. Und was lag näher, als den wahren Star der Gruppe, der Dreiviertel ihres Erfolgs eingefahren hatte, nun als Solisten auf dem Markt zu etablieren! Cute little Michael, der „süße“ kleine Michael brach noch immer spielend die Herzen aller erdenklichen Farbschattierungen. Dann würde man weitersehen.

Little Michaels Stundenplan wurde um ein neues Pensum bereichert. Noch heute versichert er ja: Er tat damals wirklich nichts lieber als singen und tanzen! „Ich tat es, weil es mir Spaß machte und weil es für mich so natürlich war wie das Atmen.“ Daß er dabei aber so manches versäumt hat, sollte ihm erst später klarwerden. Am 7. Oktober 1971 erscheint die erste Schallplatte, auf der Michael allein, ohne seine Brder zu hören ist: Got To Be There, eine sogenannte Semi-Ballade, also ein nicht-ganz-so-langsames Stück, das thematisch an den Superhit I'll Be There anknpft und schon nach zwei Wochen auf Platz vier der Charts klettert - Pop und Black, wie gewünscht! Gordys Rechnung ging auf: Die im Oktober folgende nächste Single der Jackson 5 (Sugar Daddy) kam immerhin wieder auf Platz zehn der Pop-Charts (aber Platz drei auf „Black“). Im Januar folgt Michaels erstes Solo-Album, Got To Be There wird als Titelsong gewählt, das Album erreicht wohl in den Black Charts wieder den dritten Platz, doch auf der Pop-Liste nur Platz 14. Die zweite Single-Auskoppelung Rockin' Robin, das Remake eines Rock'n'Roll-Hits von 1958, sorgt endlich für Erleichterung bei Motown - sie kommt in beiden Charts auf den zweiten Platz ! (Sogar in England schafft sie Platz drei.)

Übrigens enthält das Album auch das erste Exemplar einer neuen Liedgattung, die später eine Spezialität des King of Pop werden soll - die „Kinderhymne“ In Our Small Way:

Maybe you and I can't
Do great things.
We cannot change
The world in one day.
But we still can change some things today
In our small way.

Seine Solo-Karriere ist nun auf guten Wegen, und die J5 profitieren davon: Ihre nächste LP Looking Through The Window bringt es in den Pop-Charts nun auch wieder auf Platz sieben.

Musikalisch unterscheiden sich Michaels Platten von dem, was er bei den J5 gemacht hatte. Um den Wohlklang seiner ‚rührenden‘ Stimme voll zur Geltung zu bringen, läßt man ihn nun vorzugsweise langsamere Stücke singen, „Balladen“ - das Wort hat im Pop-Jargon nur diesen Sinn und hat nichts mit dem gemein, was unser Deutschlehrer darunter verstand. Dabei kommen nun auch verstärkt Melodieinstrumente zum Einsatz, liebliche Flöten, mal schmeichelnde, mal schluchzende Geigen, strahlendes Blech, tändelnde Keyboards: Es soll eben „schön“ sein - und weißes Publikum an die Kassen locken. Allerdings klingt es (vielleicht nur auf den digital remasterten CDs dieser Tage?) oft so, als habe man Michael um des Effekts willen höher und - lauter singen lassen, als es zu seiner Stimme paßte. Freilich, laut und schnell - das war damals auch sein eigener Geschmack. „Ich liebe schnelle Musik, das, was James Brown und Sammy Davis machen“, sagt der Dreizehnjährige einem Fernsehreporter. Vielleicht war das, was wir da heute noch hören, ein Kompromiß zwischen der Hitfabrik und den Vorlieben ihres kleinen Stars. Zwar hat es Michael stets gewurmt, daß er bei Motown nichts zu sagen hatte; aber Berry Gordy war zu sehr Geschäftsmann, um nicht zu wissen, daß man sein Kapital pfleglich behandelt. Michaels Stimme war schließlich einmalig. „Er konnte so niedergeschlagen und bluesy singen wie Tyrone Davis oder Joe Tex“, erinnert sich sein Produzent Bobby Taylor, „aber er hatte auch die gepfefferte Energie eines Schulbuben. Oh Mann, ich mußte kein Einstein sein, um zu entdecken, daß der Junge ein bombensicheres Genie war.“ David Ritz, Biograph etlicher R&B-Größen, kommentiert rückblickend: „Michael klang zugleich jung und alt, naiv und weise, schüchtern und festentschlossen, wie ein Schnittpunkt von gereiften und von jugendlichen Energien. Von Anfang an hatte er alle Qualitäten, die den großen Sänger ausmachen - eindringliche Leidenschaft, individuelle Phrasierung, unverwechselbaren Ausdruck, einen wachen Sinn für Harmonie, außerordentliche Empfindsamkeit. Er sang schmetternd wie Stevie Wonde ; seine Stimme konnte im Raum gleiten wie die von Smokey Robinson; er sang Pop-Balladen so wunderschön wie Marvin Gaye. 
Vielseitigkeit war seine Stärke, aber dabei blieb Michael immer Michael, hoffnungsfroh, funky, geschmackssicher und intensiv, daß es einem über den Verstand geht.“

Sein eigentlicher Durchbruch als Solist gelang Michael Jackson aber - sozusagen wegweisend - mit einem Kuriosum: dem einzigen Liebeslied an eine Ratte, das wohl je gesungen wurde. Es ist auch Michaels erste Begegnung mit dem Kino. Immer war es sein Traum, ein großer Filmstar zu werden (damals recht kühn für einen Farbigen). Nun sang er immerhin schon einen Titelsong: Ben war die Fortsetzung des Films Willard, der im Vorjahr die Kassen gefüllt hatte, und handelte wieder von einem leicht verschrobenen Jungen, der keinen Freund hatte - außer eben dieser Ratte namens Ben. Michael sang, als ginge es um die Liebe seines Lebens. (Und endlich ließen sie ihn in seiner natürlichen Alt-Lage singen.) Immer wieder lief er ins Kino, um im Abspann zu lesen: „Titelsong BEN gesungen von MICHAEL JACKSON“! Bis heute nennt er Ben als sein Lieblingslied...

Ben, most people would turn you away.
I don't listen to a word they say.
They don't see you as I do.
I wished they would try to.
I'm sure they'd think again,
if they had a friend like Ben.

Es war der erste Number-One-Hit in Michaels Solokarriere (Juli 1972). Wenn Berry Gordy sich fragte, woher der Schmerz und die Ausdruckskraft in Michaels Stimme kommt - bei diesem Lied hätte es ihm einfallen können. Michael war selbst das Kind, das keine Freunde hatte. Sicher, da waren die Brüder, die andern Jackson5. Die waren immer da. Immer. Er war nie allein. Kein Winkel, in den er sich zurückziehen konnte. Aber das verhindert nicht die Einsamkeit, im Gegenteil. Es hindert einen, sich zu sammeln - und das fehlt dann wieder zur Freundschaft. Zwar bestätigt auch Jermaine das besondere Verhältnis, das er gerade in dieser Zeit zu seinem kleinen Bruder hatte. Die Stimmen der Lead-Sänger brauchten Schonung, und so mußten sie beide zeitig ins Bett. Sie schliefen immer im selben Zimmer, auch zuhaus in Encino. Aber da gab es keine Privatheit. Beide erzählen, wie sie auf Tournee gelegentlich nachts wachwurden, wenn Vater Joe mit ein paar Mädchen unterm Arm ins Hotelzimmer kam, um ihnen die schlummernden Teenie-Stars zu zeigen... Aber ohne Privatheit gibt es auch keine Intimität. Einer, der „schon immer da“ war, der einem von vornherein zu nahe stand, taugt nicht mehr zum Freund. Einem, der sowieso immer alles weiß, vertraut man kein Geheimnis an - wußte er es denn zu schätzen? Freundschaft, wie die Liebe, geht am Zu-viel-wissen ein. Wie eng das Verhältnis der Jackson-Brüder zueinander gewesen sein mag - die fehlenden Freunde konnten sie sich nicht ersetzen: „Ich hab so oft geweint vor Einsamkeit.“

Keinen Freund haben heißt aber auch: kein Freund sein. Und das ist wohl das schlimmste, was einem als Kind passieren kann. Ich wage zu sagen, schlimmer auch als Joe Jacksons Grausamkeit. Wenn nicht alles täuscht, liegt hier der Schlüssel zur größten Künstlerkarriere des Jahrhunderts, einschließlich ihrer tragischen Verwicklung; denn das ist etwas, das sich schlechthin nicht wieder gutmachen läßt.

Da heißt es immer, die Mutterliebe sei die Schule der Liebesfähigkeit. Aber das ist gar nicht wahr. Die Mutterliebe ist, wenn sie da ist, unvordenkliche Nähe. Das ist ihr Verdienst und macht sie unersetzlich. Die wirkliche Liebe ist aber ein Spiel mit dem Feuer. Die Vaterliebe kommt dem schon näher, aber nicht viel. Das erste große Abenteuer ist die erste große Freundschaft - der „beste Freund“. Der war nicht einfach da, den mußte man finden; und den wird man verlieren. Die wahre Schule der Liebe ist die Kinderfreundschaft. Sie ist die erste Leidenschaft. Doch gottlob, sie geht vorüber - wenn sie stattfinden durfte; und gibt den Weg frei zu allen andern Wagnissen des Herzens.

Und wenn nicht? Der kleine Michael hat nie einen Freund gehabt. Als ein Reporter ihn auf die Intensität anspricht, mit der er Ben gesungen habe, antwortet der Zwölfjährige arglos: „Ich habe selber eine Ratte!“

Besser als gar nichts, aber wenn Michael Jackson seit Jahren immer entschiedener seine verlorene Kindheit zum Thema seines Lebens macht, dann meint er eigentlich den Freund, den er nicht hatte.

Hätte er nicht später doch das eine oder andere nachholen können? Aber nicht als Berühmtheit, und schon gar nicht in Hollywood. „Als Entertainer weißt du nie, wer dein Freund ist“, sagt der erwachsene Megastar, und spricht damit - für uns - eigentlich eine Binsenwahrheit aus. Aber für ihn selber, der nichts zum Zusetzen hat, ist es eine Tragödie. 

4. Zwischen den Stühlen.

oder 
Mit fünfzehn ein Oldie?
Have you seen my childhood?
 HIStory

Joe Jackson sah Michaels Solokarriere mit gemischten Gefühlen. Jeder Erfolg war ihm willkommen. Aber er mußte auch vorausdenken. Michael war das Zugpferd der J5, doch wenn er zu weit in den Vordergrund trat, würde dem Publikum auffallen, daß die andern Jacksons eigentlich nur gehobene Mittelklasse waren. Joe hatte bei Motown gerade solange eine starke Stellung, wie er die Familienband zusammenhielt. Sonst war er entbehrlich. Also drang er darauf, über Michaels Solokarriere nicht die J5 zu vernachlässigen. Und umsomehr ließ er den Jungen seine Geringschätzung spüren - er sollte nur nicht glauben, er könne es alleine zu was bringen: „You're all nuthin'!“
Motowns Kult um die schwarze Bilderbuch-Familie Jackson hatte prächtige Blüten getrieben. Am 20. September 1971 wurden die Jackson5 offiziell im Kongreß der Vereinigten Staaten geehrt. „Sie haben nur so zum Vergnügen mit dem Singen angefangen und wurden rund um Gary bald bekannt. Papa Joe, ein Kranfahrer, spielte Gitarre und schrieb Lieder, um sich von der Arbeit zu erholen. Ihre Mutter Katherine sang Blues, und als sie alt genug waren, nahmen auch die Kinder an den häuslichen Musik-Sessions teil. Wie Papa Joe sagt: ‚Es war fun, den Kids gefiel es, und es war ein gutes Mittel, sie zuhaus zu halten, statt daß sie sich auf den Straßen von Gary herumtrieben.'“

Motown hatte diese Karte zu reichlich gespielt, um sie jetzt fallenzulassen. Im Herbst 1971 startete im Fernsehen sogar eine Zeichentrick-Serie: The Jackson 5ive. Es sind ziemlich alberne Episoden mit J5-Musik im Hintergrund, und man würde besser gar nicht darüber reden, wäre sie nicht ein kultur- und sozialgeschichtliches Denkmal. Erst wenn man diese Serie kennt, ahnt man, warum die Amerikaner von Michael Jackson, im Guten wie im Bösen, nicht lassen können. Sie ist ein Zeugnis des Aufstiegs der schwarzen Rasse in den Vereinigten Staaten. Es war erst wenige Jahre her, daß mit Sidney Poitier und Dorothy Dandridge erstmals schwarze Schauspieler in Hollywood Hauptrollen spielen durften. Und jetzt sahen schwarze Kinder zum erstenmal Comic-Helden, die - aussahen wie sie selbst. Und erstmals konnten sich auch weiße Teenager mit schwarzen Kindern identifizieren! Das war völlig neu, und man merkt es noch heute an der Unfähigkeit der Zeichner, die Gesichter der Jackson-Brüder zu individualisieren. Die hatten soviel Mühe, überhaupt schwarze Gesichtszüge nachzuzeichnen, daß sie gerade noch für Jackies Hakennase ein paar Striche übrighatten, aber nichtmal mehr für cute little Michaels Sarottimohr-Gesichtchen. Mehr noch als ihre Platten, dokumentiert diese Serie den Beitrag, den die Jackson Five zum neuen Selbstgefühl der Afro-Amerikaner geleistet haben.

Michael war davon hingerissen, daß er sich jeden Samstagmorgen als Comicfigur im Fernsehen ansehen konnte. Der Kontrast zwischen jener reizenden Idylle und der Wirklichkeit im Hause Jackson kann dem intelligenten Jungen kaum verborgen geblieben sein: im Cartoon als süßer Engel und Tausendsassa verklärt und in seiner heimischen Wirklichkeit gekränkt und beschämt. Er lebte unter einer doppelten Botschaft: Du bist niemand; und: Du bist der Star. Das Familienleben der Jacksons fand auf zwei Etagen statt. Oben wurde gesungen und getanzt. Unten, im Keller, liegen etliche Leichen...

Es ist nicht leicht für ein Kind, in einer solchen Klemme sein Gleichgewicht zu halten und nicht den äußeren Widerspruch als innere Spaltung zu sich hereinzuholen. Der kleine Michael hat sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen und - resolut für den schönen Schein der Kunst optiert.

Michael Jackson beschäftigt nicht bloß darum die Phantasie seiner Zeitgenossen, weil er der erfolgreichste Künstler aller Zeiten ist. Er macht auch sonst von sich reden - und auch die, die sich in erster Linie für seine Kunst interessieren, fragen sich, ob nicht das eine mit dem anderen zu tun hat. Natürlich: Der Künstler, der er ist, wäre er nicht geworden, wenn er ansonsten wäre wie die andern Leute. Da muß etwas passiert sein, das man keinem wünschen soll.

Nein, an dieser Stelle folgt keine psychographische Studie unter der Überschrift: ‚Seht her, so ist er‘. Wer kann schon sagen, wie einer „wirklich ist“? Wir alle stehen einander entweder zu nah oder zu fern, und jedem geht es mit sich selbst auch nicht besser. Sogar in der Psychiatrie stehen ja die Chancen, daß die Diagnose danebenhaut, halbe halbe. Was erwartet man also von einer Künstlerbiographie ? Die sogenannte Wahrheit von der Künstlerlegende scheiden zu wollen, wäre der Sache nicht einmal angemessen. Die Legende gehört selbst zum Kunstereignis. Kunst ist eben nicht „echt“, sondern - künstlich. Darum ist sie ja menschlicher als die Natur. Der Biograph kann nur das, was er selbst bemerkt hat, so nachzeichnen, daß auch andere es sehen können. Das ist nicht Abbildung, sondern Nacherfindung. Und wie jedes Bild, ist es selbst ein kleines bißchen „Kunst“.

In den Klatschblättern wird Michael Jackson mit Vorliebe als Exzentriker beschrieben, den immer wieder Depressionen niederdrücken, Angstattacken heimsuchen und psychosomatische Anfälle beuteln. An seinem öffentlichen Erscheinungsbild als leicht meschugger Neurotiker hat nicht zuletzt - er selber kunstsinnig mitgebastelt. Die Überdruckkammer, in der er angeblich schläft, um hundertfünfzig Jahre alt zu werden; das Bemühen, die Gebeine des „Elefantenmenschen“ John Merrick für seine Kuriositätensammlung zu erwerben; der Schrein, den er in seinem Keller für Elizabeth Taylor errichtet haben soll - das alles sind Zeitungsenten, die mit einiger Sicherheit vom Jackson-Management selber in die Welt gesetzt wurden, um ihm eine Aura des Bizarren und Rätselhaften zu schaffen. „Ob Sie's glauben oder nicht, sein Management wollte, daß die Geschichten über seine Schönheitsoperationen breitgetreten wurden! Die Idee, daß sich Michael jeder Menge Operationen unterzieht, um kindlicher und knabenhafter zu erscheinen, ist in seinem eigenen Lager aufgebracht worden“, behauptet Steve Coz, Redakteur beim Skandalblatt National Enquirer, und der kennt sich aus.

Sicher ist nicht alles PR-Bluff, was ihm den verhaßten Spitznamen Wacko Jacko eingetragen hat. Doch sollte man die Proportionen wahren.

Verzweiflung, Zeiten der Niedergeschlagenheit und übertriebene Gereiztheit gehören zum Leben jedes Kreativen. Solange er an seiner Sache arbeitet, ist alle Aufmerksamkeit nur ihr gewidmet, die ganze Energie in ihren Dienst gestellt. Ist das Ziel dann erreicht, tritt nicht nur Zufriedenheit ein. Die plötzlich verwaisten Lebensgeister kommen sich überflüssig vor, aber Ruhe geben können sie noch lange nicht. So mancher Künstler fällt, sobald er etwas vollbracht hat, in ein schwarzes Loch. Einige ergeben sich dem Suff, andere stürzen sich gleich in ihr nächstes ‚Werk‘. Darum wirken viele Künstler auf ihre Mitmenschen wie Besessene. Würde der Leser der Boulevardpresse Michael Jackson nicht mit sich und seinem Nachbarn, sondern mit anderen Künstlern vergleichen, käme er ihm vielleicht enttäuschend normal vor - was freilich auch nicht in Michaels Interesse läge.

Gibt es also gar nichts zu verstehen? Wenn nun eine gewisse Verschrobenheit zum Künstlertum mal dazugehört...? Doch. Das Künstlertum selbst ist zu verstehen. Einer wird verrückt, ein andrer wird ein Erfolgsmensch, jener wird zum Otto Normalverbraucher. Und einige werden Künstler. Wieso? Glaubt man nicht an Vererbung und auch sonst nicht an die Vorsehung (Michael Jackson sieht freilich überall die Hand seines Schöpfers - The Creator - am Werk, aber den stellt er sich als einen Künstler vor), muß man sich die unterschiedlichen Lebensläufe der Menschen wohl so deuten: Irgendwann schlägt jeder von uns, und sei's widerwillig und ohne es recht zu merken, einen Weg ein, den er dann einfachheitshalber und solange „es geht“, weiterläuft.

Schließlich ist dann die zurückgelegte Strecke so weit, daß man nicht mehr gut umkehren kann, selbst wenn man wollte. Was eigentlich ein selbstverfaßter Roman war, kommt uns im nachhinein als unser Schicksal vor.

Das Lebensalter, in dem solche Weichenstellungen typischerweise fallen, ist das, in dem sich unser kleiner Michael im Moment seiner ersten großen Erfolge befindet - im Augenblick des „Abschieds von der Kindheit“. Es ist die größte Krise im Leben eines jeden. Eine Krise auch in physiologischer Hinsicht, als Pubertät; aber nicht nur. Nicht einmal vor allem: Es ist eine Krise des ganzen Menschen. Bis dahin verstand sich die Welt von selbst. Alles, was war, war eben so und nicht anders. Doch plötzlich steht alles in Frage. Ist alles so, wie es ist, oder sieht es nur so aus? Könnte es nicht auch ganz anders sein? „Der Grundzug des Pubertätsalters“ sei, so schrieb der Kulturhistoriker Egon Friedell, „daß es fast jeden Menschen zum Dichter macht.“ Aber nur, weil die Selbstverständlichkeit dahin ist und alles in Zweifel gerät - nicht nur die Andern, sondern auch das Selbst: ein kritischer Zustand. Es ist ein Fegefeuer der Gedanken und der Gefühle. Der amerikanische Kinder- und Jugendpsychologe Erik Erikson hat geradezu von der „zweiten Geburt des Menschen“ gesprochen. („Werwolfjahre“ nennt Quincy Jones das bei seinen eigenen Kindern; er hat sieben.)

Der Zweifel, die Ungewißheit, das ‚Schweben‘ zwischen allen Möglichkeiten äußert sich aber, ach, vorzugsweise in Spottsucht, Frechheit und bösem Witz. „Das Kind muß unbedingt ironisches Kind sein“, liest man bei dem Romantiker Novalis; nämlich das Kind, das schon fast keins mehr ist. Es ist das Schwinden der Unschuld, doch auch der Anfang der Naivität, denn: „Das Naive ist eine Kindlichkeit, wo sie nicht mehr erwartet wird“, schrieb Friedrich Schiller.

Kein Kind mehr sein, oder doch nicht mehr so ganz, ist aber nicht nur eine Erweckung. Es ist auch eine Trauer. Denn jetzt wartet der „Ernst des Lebens“. Mit dem Spielen ist es jedenfalls vorbei. Man wird es ein Leben lang vermissen. Der Abschied von der Kindheit ist ein Hängen zwischen den Stühlen, eine ganze, kurze Existenz im Zwiespalt. Sonst wäre es ja nicht das produktivste Kapitel im Roman unseres Lebens.

Dem kleinen Michael ist der Abschied von der Kindheit erspart geblieben: Er hatte ja keine. Aber auch in dem Sinn, daß keiner so recht von ihm erwartet hat, „erwachsen“ zu werden. Zwar - daß das Leben kein Spaß, sondern nichts als Arbeit ist, das hat er schon immer gewußt. Jedenfalls kannte er es nicht anders. Doch seine Arbeit hatte etwas Besonderes. Hart, diszipliniert, penibel, perfekt; und doch war sie - Spiel!
Wir alle wollten im Ernst keine Kinder bleiben. Nichts hatten wir eiliger als erwachsenwerden. Daß wir uns deshalb auch gleich in ihren Ernst des Lebens fügen sollten, haben wir ihnen lange nicht abnehmen wollen, aber dann haben sie uns zur Vernunft gebracht. Und woraus besteht die? Daß wir den schönen Schein der Dinge nicht länger für das Wahre nehmen. Das Wahre der Dinge ist ihr Nutzen; wahr werden sie als Waren. Wir lernten, daß Schönheit allein keinem was nützt, und daß das Nützliche nun leider mal nicht immer auch schön sein kann. Diese Quintessenz der Erwachsenheit ist unserm Michael sein Lebtag nicht begegnet. Für ihn galt - und gilt - im Gegenteil: Nur wenn es schön ist, kannst du's verkaufen.

Daß er keine Kindheit hatte, die er hätte begraben müssen, disponierte ihn dazu, das Künstlertum zu seinem Lebensstil zu wählen. Daß er von Beruf Künstler war, erlaubte ihm, an seiner Kindheit hängen zu bleiben wie an einer offenen Wunde. Sich im Phantasieland seiner verlorenen Zeit häuslich einzurichten, erwies sich pragmatisch als eine zweckmäßige Option. Ein genialer Ausweg aus allen Dilemmen, und zugleich eine hoffnungslose Falle. 

Der Abschied von der Kindheit blieb ihm erspart, aber nicht die andern Fährnisse der Pubertät. Da war aber seine Karriere bereits in eine Krise geraten. Eigentlich war es die Krise der Jackson 5, die auch seine Solokarriere in Mitleidenschaft zog. Sein Album Ben, das im August 1972 ausgeliefert wurde, kam in den Pop-Charts auf einen stolzen fünften Platz. Aber im folgenden März war das neue J5-Album Skywriter herausgekommen und hatte in den Pop-Charts nur einen blamablen Platz 44 erreicht. Freilich nicht ganz unverdient. Die Songs sind nichtssagend, am besten ist immernoch das Titelstück - aber auch nur, weil es verdächtig nach Day Tripper von den Beatles klingt... Michaels dritte Solo-LP Music & Me, die im April folgt, kommt gar nur auf Platz 92 der Pop-Charts. Damit ist Michaels Solokarriere vorerst zuende. Und es kam noch schlimmer. Die neue J5-LP Get It Together vom September desselben Jahres erreicht nicht einmal mehr die Top 100. Ist die kaum drei Jahre alte Karriere der „schwarzen Beatles“, wie man die Jackson5 genannt hatte, schon wieder vorbei?

Die Jacksons gaben die Schuld an ihrem Niedergang Motown und Berry Gordy. Sie wurden ständig unzufriedener mit seinem autokratischen Regiment. Er hatte immer recht, die Künstler hatten das zu tun, was seine Fachleute sich ausdachten. Aber er selbst interessierte sich kaum noch für das Plattengeschäft. Er hatte sich inzwischen ganz dem Film zugewandt, denn dafür war Motown schließlich nach Hollywood gegangen! Damals entstand Lady sings the blues, die Lebensgeschichte der legendären Sängerin Billy Holiday mit Diana Ross in der Hauptrolle. Das war's, was ihn beschäftigte. Aber nicht, daß er deshalb den Jacksons mehr Einfluß auf ihre Musik eingeräumt hätte ! So war aus Get It Together eine Anbiederung an die eben heißlaufende Disco-Mode geworden, die eigentlich unter Motowns musikalischem Niveau lag.

Die Krise der Jackson 5 fiel bei Michael in jene Zeit körperlicher Verunsicherungen, die wir immer zuerst mit dem Wort Pubertät verbinden. Das Erwachsenwerden mochte dem kleinen frontman der Jackson5 ja nicht gerade als eine lohnende Aufgabe erschienen sein. Aber klein bleiben möchte kein Junge. Doch Motown hatte andere Interessen. „Ich denke, mich hätten sie am liebsten ein paar Jahre jünger gehalten, um mich auch weiter als Kinderstar verkaufen zu können.“ Daß man ihn für die Öffentlichkeit so leicht um zwei Jahre jünger machen konnte, hatte einen ärgerlichen Grund: Er war viel zu klein für sein Alter, mit elf sah er wirklich noch aus wie neun. Entsprechend empfindlich war er in diesem Punkt. Noch in seiner Autobiographie erzählt er, wie sehr es ihn kränkte, wenn seine Brüder auf der Bühne bei dem Sly-Stone-Titel Stand! bei dem Vers „Da reckt ein Zwerg sich in die Höhe, und der Riese an seiner Seite kommt zu Fall“ - there's a midget standing tall, and the giant beside him 's about to fall - mit dem Finger auf ihn zeigten! Und tatsächlich: In der Plattenversion von Stand! wird die zweite Strophe denn auch nicht gesungen... Ach, endlich groß werden, sein eigener Herr sein - endlich control!

Diesen Kindertraum teilte Michael mit allen Kleinen. Aber wenn sich das Großwerden dann wirklich zeigt, welch ein Schreck! Zuerst meldet es sich nämlich in Gestalt von - Pickeln. „Meine Identität als Person war in großem Maße abhängig von meiner Identität als Künstler. Das größte Problem, mit dem ich als Teenager zu ringen hatte, war nicht die Arbeit im Aufnahmestudio oder auf der Bühne, sondern war - der Spiegel. Lange Zeit hatte mir jeder, den ich traf, erzählt, was für ein süßes Bübchen ich sei. Aber eines Morgen sah ich in den Spiegel und sagte nur noch: ‚Oh nein!‘ Jede Talgdrüse schien sich in einen Pickel verwandelt zu haben.“ Alle Jungen (und Mädchen) leiden fürchterlich unter ihrer Akne. Sicher, die Pickel sind scheußlich. Aber Eltern und Geschwistern kommt es immer so vor, als würde der Junge maßlos übertreiben. Und das tut er wirklich. Auf männliche Kanten im Gesicht hatte er gewartet, auf die ersten Barthaare. Und nun das! Aber im Entsetzen über die Pickel beweint man zugleich auch ein bißchen die schwindende Kindheit - ohne es sich eingestehen zu müssen. Sehr praktisch... Nur Michael Jackson konnte, wie wir sahen, diesen heimlichen Vorteil nicht aus seiner Akne ziehen. Daher war sein Entsetzen blank: Wie konnte er mit so einem Gesicht auf die Bühne treten ?

„Es machte mich so scheu! Ich vermied, mich anzuschauen, ich wusch mich im Dunkeln, um nicht in den Spiegel sehen zu müssen, und mein Vater hänselte mich und ich haßte das, ich weinte jeden Tag deshalb. Er sagte, ich sei häßlich.“ Schon immer hatte ihn Joe wegen seiner breiten Nase aufgezogen. Die Jacksons hatten (damals) alle große Nasen, aber Michael überbot sie. Als er klein war, war es ein putziger Knubbel, aber jetzt wurde eine unförmige Knolle daraus. Joe machte es Spaß, seinen Goldesel bignose zu rufen: Seine Bäume sollten nur nicht in den Himmel wachsen, ohne seinen Vater war er just nuthin'. „Ich wurde sehr scheu, und es war mir peinlich, unter Menschen zu gehen. Es schien so, als ob die Pickel umso schlimmer würden, je öfter ich in den Spiegel sah. Mein Anblick deprimierte mich. Die Wirkung war so schlimm, daß sie meine ganze Persönlichkeit verkorkste. Ich konnte den Leuten, mit denen ich redet, nicht mehr ins Gesicht sehen. Ich senkte den Blick oder sah zur Seite. Ich fand nichts mehr an mir, worauf ich stolz sein konnte, und ich mochte nicht mehr ausgehen. Ich tat überhaupt nichts mehr.“ Doch wenn er auf die Bühne trat, verwandelte er sich: „Dann dachte ich an nichts anderes mehr. Alle Sorgen verflogen. Sobald ich dann die Bühne verließ, wartete schon wieder der Spiegel auf mich.“

Mutter und Geschwister berichten, Michael habe sich in diesen Jahren aus einem lauten, fröhlichen Kind in einen verschlossenen Einzelgänger verwandelt. Doch sind wir in der Lage, wenigstens dies eine Mal die Legende von den Tatsachen zu scheiden. Ein Fernsehinterview mit dem zwölf-, dreizehnjährigen cute little Michael (ohne Pickel, mit niedlicher Knopfnase) zeigt uns ein ernstes, beklommenes Kind, das verlegen zu Boden schaut, dem Interviewer nur gelegentlich einen Blick von der Seite zuwerfend; das sich die Worte wie Würmer aus der Nase ziehen läßt und dem auf die Frage nach seinen Hobbys wirklich nichts anderes einfällt als „Schwimmen, äh; Baseball spielen“ - und Pause. Dann sowas wie ein Aufleuchten in den traurigen Augen: „Eidechsen fangen!“ Und während der ganzen Zeit tut er, was er noch heute tut, wenn er wieder verlegen ist, er drückt die Zungenspitze von innen gegen die Unterlippe... Es ist in Bild und Ton festgehalten: Michael Jackson mußte nicht auf Acne juvenilis warten, um schüchtern und menschenscheu zu werden. Er war es - buchstäblich – „von hause aus“.

Und außerdem schoß er natürlich in die Höhe. War er vorher zu klein für sein Alter, wurde er jetzt lang und dünn wie eine Bohnenstange. Das begann im Winter 1972/73, als er eben vierzehn war, zwischen Ben und Skywriter. Damals hatte er auch seinen Stimmbruch. Lachen Sie nicht, lieber Leser! Ja, im Ernst, Michael Jackson hatte einen Stimmbruch. Auf der von Motown 1995 herausgebrachten Anthologie The Best Of Michael Jackson finden sich die (zuvor unveröffentlichten) Stücke Love's Gone Bad und If'n I Was God, die zwischen November '72 und Mai '73 entstanden. Dazwischen liegt, deutlich hörbar, sein „Stimmbruch“. Oder, richtiger, die Mutation. Denn ein Bruch war es ja gerade nicht. War es die Kunstfertigkeit von Motowns Stimmbildnern oder war es „die Natur“ - jedenfalls klingt Michaels Stimme nachher, obwohl sie tiefer geworden und ein „schwarzes“ Kratzen hinzugekommen ist, kaum weniger hell als sein vormaliger Knabenalt. Es werden nicht einmal Unsicherheiten in der Intonation hörbar, er beherrscht seine Stimmbänder so virtuos wie je. Mit seiner dritten Solo-LP Music & Me versuchte Motown einen Trick, um Michaels „neue“ Stimme beim Publikum einzuführen. Um zwei Stücke, die noch vor dem Stimmbruch aufgenommen wurden (Too Young und Doggin' Around), gruppierten sie jeweils vier Stücke, die danach entstanden waren; aber sie ließen ihn so singen, „als ob“ es noch immer eine Knabenstimme sei - und er kann's! Sicher mußte er auch wieder zu hoch hinauf, aber das allein macht's nicht: Das Knabentimbre läßt sich nicht imitieren, das ist „echt“ und er hat es bis heute. Vielleicht hat der Mißerfolg von Music & Me damit zu tun, daßdas Publikum soviel Schweben zwischen den Stühlen damals nicht besonders geschätzt hat. Zehn Jahre später sollte es zur Wunderwaffe des größten Stars aller Zeiten werden.

Vorerst ging es weiter bergab mit den Jackson Five. Genauer gesagt, mit ihren Plattenverkäufen. Die Anziehungskraft ihrer öffentlichen Konzerte blieb dagegen ungebrochen. Das ganze Jahr 1973 füllen sie Stadien und Konzerthallen in Amerika, Australien und Neuseeland. Der Durchfall von Get It Together hat den Zulauf nicht gebremst. Allerdings war die Single-Auskoppelung Dancing Machine auf Platz zwei der Pop-Charts gelangt, und das Album, das im Pop-Register untergegangen war, kam in den Black Charts bis auf Platz eins. Der Grund liegt auf der Hand: Michael hatte für die öffentlichen Darbietungen einen neuen Tanzstil kreiert, den er Robot Dance nannte. Hatten im 18. Jahrhundert kunstvolle „Automaten“ den tanzenden Menschen imitiert, so imitierte nun Michael die tanzenden Puppen. Die neue Mode kam damals bis nach Europa. Dancing Machine war also wirklich eine Ausnahme, die die Regel bestätigte: Der Erfolg der Jackson Five beruhte nicht länger auf der (Motown-) Musik, sondern auf ihrer live performance. Motown nutzte den Erfolg von Dancing Machine, um mit diesem Titelsong ein weiteres Album zu lancieren, das im Oktober '74 immerhin auf Platz 16 der Pop-Charts kam.

Die Aussichten im Plattengeschäft waren trübe. Da traf Joe Jackson eine Entscheidung, die leicht zum Nagel am Sarg ihrer Karriere werden konnte. Er engagiert die Jackson5 im Frühjahr 1974 zu einer Cabaret-Show im MGM Grand Hotel in Las Vegas (und läßt diesmal auch den kleinen Bruder Randy und die Schwestern Rebbie, LaToya und sogar Janet mit auftreten.) Diese Shows sind ganz etwas anderes als ihre üblichen Konzerte. Das Publikum sind Touristen, die unterhalten werden wollen, ganz anspruchslos. Die wollen nichts Neues, nichts Besonderes, ganz im Gegenteil: Die wollen die juten ollen Kamellen, nach denen sie schon in ihrer Jugendmaienblüte getanzt haben. Diese Shows sind für den Künstler ganz ohne Risiko - er muß sich keine Mühe geben und verdient dabei mehr als sonstwo. Die Versuchung ist groß. Viele berühmte Entertainer und The King Elvis selbst haben sich hier künstlerisch ruiniert; nämlich auf ihrem Lorbeer zur Ruhe gelegt. War Michael Jackson mit seinen fünfzehn Lenzen nicht noch ein bißchen zu jung für einen Oldie?! Im nachhinein erinnert er sich aber gern an diese Auftritte. „Wir spielten nicht vor einem anspruchsvollen Konzertpublikum, das nur die aktuellen Hits und sonst nichts hören wollte. Wir waren für einen Moment von dem Druck befreit, uns ständig auf dem laufenden zu halten, was die Konkurrenz gerade trieb.“ Sie nutzten die Gelegenheit, in jede Show ein paar seelenvolle Balladen einzuflechten, mit denen Michael seine „neue Stimme“ unters Volk bringen konnte. „Mit fnfzehn mußte ich mir über sowas Gedanken machen.“ Dieser Junge kämpft dagegen an, zum alten Eisen geworfen zu werden, bevor er sich überhaupt rasieren muß.

Die Show in Las Vegas, die die Jacksons erstmals ohne Motown selber produziert hatten, wurde von der Kritik verrissen und vom Publikum bejubelt. „Als wir anfingen, war ich klein, hübsch und reizend“, erz„hlte Michael seinen Zuschauern (unter denen sich gelegentlich Elvis Presley mit seiner kleinen Tochter Lisa Marie befand), „jetzt bin ich groß, hübsch und reizend.“ Die Überlänge seiner Arme und Beine gaben seinen Bewegungen Eleganz und Grazie, für die das Beiwort „niedlich“ nicht mehr paßt; freilich auch eine gewisse, feine Komik. Wieder brachen sie Zuschauerrekorde. Es folgt im Sommer eine Tournee durch die Staaten, im Herbst gehts nach Südamerika, dann nach Japan, Hongkong, Australien und auf die Philippinen; zum Jahresende sind sie wieder im MGM Grand Hotel in Las Vegas.

Das gespannte Verhältnis zu Motown spitzt sich zu nach dem erneuten Mißerfolg von Michaels nächster LP Forever, Michael, die im Februar 1975 erschienen war. Sie bringt es zwar auf einen achtbaren zehnten Platz in den Black Charts; doch in den Pop Charts bleibt sie auf Platz 101 hängen. Für die Jacksons steht fest: Motown kann (oder will) nichts mehr für sie tun. Man schaut sich nach einem neuen Partner um. Der Medienkonzern CBS war in Las Vegas auf ihr komisches Talent aufmerksam geworden und plante eine comedy-Serie. Zu CBS gehörte das renommierte Plattenlabel Epic (bis heute Michaels Vertragsfirma). Es wird ein Vertrag ausgehandelt für später, wenn der Kontrakt mit Motown ausläuft.

Alle Motown-Stars haben sich irgendwann mit Berry Gordy überworfen, sogar Diana Ross. Stevie Wonder kündigte seinen Vertrag exakt an seinem 21. Geburtstag - dem Tag seine Volljährigkeit. Freilich kehrten fast alle früher oder später zurück. Die Gründe für das Zerwürfnis waren immer dieselben. Da waren die miserablen finanziellen Bedingungen, zu denen man bei Berry Gordy arbeitete. Die Verträge stammten aus der Zeit, als die Musiker noch unbekannt waren und froh sein konnten, wenn überhaupt einer mit ihnen abschloß. Wenn sie dann Erfolg hatten, weigerte sich Gordy, die Bedingungen zu ändern: Der Erfolg sei schließlich sein Verdienst... Dazu kam aber - und das gab für die Jacksons den Ausschlag - die herrische Art, mit der Gordy seinen Künstlern vorschrieb, welche Kunst sie machen durften. Die Sänger fühlten sich wie Laufburschen behandelt. Ein krasses Beispiel ist der Song I Saw It Through The Grapevine, Motowns größter Erfolg. Er war auch der größte Hit des später tragisch ums Leben gekommenen Marvin Gaye. Für den war er zunächst geschrieben worden. Aber Gordy wollte auf Nummer sicher gehn. Er gab es ersteinmal „auf Probe“ an seine Neuerwerbung Gladys Knight. Sie hatte, wie wir gehört haben, damit ihren Durchbruch (und war dabei im Regal den Jackson Five begegnet). Aber da nahm ihr Gordy das Stück einfach wieder weg und gab es an Marvin Gaye weiter.

Es hatte Michael schon immer gewurmt, daß er, als „der Kleinste“, bei Motown sowieso nichts zu sagen hatte. Er sprudelte über vor Einfällen, aber „wenn man jung ist und Ideen hat, halten einen die Leute oft nur für kindisch und töricht. Ich durfte nichts tun, weil ich jung war, und alle hielten meine Ideen für hirnrissig.“ Als er dreizehn war, bei den Aufnahmen zu Looking Through The Window, platzte ihm schließlich der Kragen. Er durfte nicht so singen, wie er wollte. „Ich meine, daß einem die Leute zuhören sollten, wenn man seinen Job beherrscht und den Durchblick hat, egal, wie alt man ist.“ Er lief zu Gordy und beschwerte sich. Der gab diesmal nach.

„Unsere Probleme mit Motown begannen um das Jahr 1974, als wir deutlich machten, daß wir unsere eigenen Songs schreiben und produzieren wollten.“ Einige Stars, wie Gaye und Wonder, hatten so etwas durchsetzen können. „Aber bei uns hat Motown keinen Zentimeter nachgegeben.“ Nicht nur war keine Rede von eigenen Songs: „Man verbot uns sogar, auch nur davon zu reden!“

Freddy Perren von The Corporation erinnert sich: „Zum Songwriter gehört ein gewisses Talent, und ich konnte sehen, daß es bei Michael da war. Aber Motown unterstützte das nicht bei ihren Sängern. Bei Motown war der Produzent König.“ Michael war so gekränkt, daß er bald alles Material, das Motown ihnen gab, innerlich ablehnte. Er wollte weg.

Allerdings war inzwischen eine Komplikation eingetreten. Jermaine Jackson hatte Berry Gordys Tochter Hazel geheiratet! In der Branche wurde getuschelt: „Jetzt gehören sie mit Haut und Haar zu Motown.“ Ein Bruch mit Motown, das war auch ein Bruch mit Jermaine... Man mußte mit Gordy reden, aber die Brüder drückten sich, und auch Joe traute sich nicht in die Höhle des Löwen. „Also lag es an mir, ein Treffen mit Berry Gordy zu arrangieren.“ Der sechzehnjährige Michael nahm die Geschäftsführung der Firma Jackson selbst in die Hand! „Es war der schwerste Gang meines Lebens, aber an dem Tag war ich ein Löwe.“ Sicher war es ein stürmische Begegnung. Michael hatte wohl auf eine Verständigung in letzter Minute gehofft, doch Gordy hat ein heftiges Temperament. An Verständigung war nach diesem Gespräch jedenfalls nicht mehr zu denken.

„Für einen Künstler ist es wichtig, stets die Kontrolle über sein Leben und seine Arbeit zu behalten. Wir hätten auch bei Motown bleiben können; aber dann wären wir in der Versenkung verschwunden.“ Das ist die Kehrseite von Michael Jacksons Jagd nach seiner versäumten Kindheit: der verbissene Kampf um control. Er wird ihm später den Ruf eines rüden Geschäftsmanns eintragen.

Nachdem Motown im Mai '75 das neue J5-Album Moving Violation herausgebracht hatte, verkündete Joe Jackson am 30. Juni den Wechsel der Jackson5 zu Epic Records. Doch war er vorher etwas zu zaghaft, ist er nun etwas zu kühn. Daß der Vertrag mit Motown erst im folgenden Frühjahr ausläuft, stört ihn nicht. Michael meint zwar, Vertrag sei Vertrag, aber Joe fühlt sich stark. So ist er völlig überrascht, daß Berry Gordy den Namen Jackson Five und die entsprechenden Logos schon 1973 heimlich für Motown hatte patentieren lassen - die Jacksons besaßen nicht einmal mehr ihren Namen! Es folgten jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen, die unterm Strich zugunsten von Gordy ausgingen.

Marlon übernahm Jermaines Part am Baß, und der kleine Randy rückte für Marlon nach. Die Gruppe hieß jetzt nur noch The Jacksons. Für Epics Chef Ron Alexenburg war der Deal mit der Familienband gar kein sicheres Geschft. Er hatte etwas riskiert. Das Talent der Brüder, ihre Songs selbst zu produzieren, war durchaus unbewiesen. Mehr als zwei eigene Stücke pro Album mochte auch Epic ihnen nicht zugestehen. Und vorsichtshalber setzte man ihnen das Produzentenduo Kenneth Gamble und Leonard Huff vor die Nase - die beiden Hauptvertreter des Philly Sound, der mit dem „Entschwärzen“ des Rhythm & Blues noch weiter gegangen war als Motown. ‚Schwarz‘ war an dieser Musik, die mittlerweile den Markt beherrschte, eigentlich nur noch der obligate Viervierteltakt mit dem schweren Taktteil auf der Eins. Der Philly-Sound hat der Seichtigkeit der Disco-Ära mit ihren monotonen Klimperrhythmen den Weg bereitet.

Im Juni '76 beginnt CBS die Ausstrahlung der Serie The Jacksons. Michael war unzufrieden. „Wir komplizierten unsere Lage, indem wie in der Sommerpause bei einer albernen TV-Serie mitmachten. Es war eine idiotische Entscheidung, und ich haßte jede Minute dieser Show.“ Er meinte, sie werde ihren Plattenverkäufen schaden: „Wir mußten lächerliche Kostüme anziehen und alberne Witze reißen, und das Geläächter kam vom Band.“ Keine Zeit, die Gesetze des für sie neuen Mediums TV zu studieren: „Wir mußten täglich drei neue Tanznummern einstudieren, immer mit dem Termin im Nacken.“ Und immer die Einschaltquoten vor Augen! „Die Leute sehen einen jede Woche, und schließlich kommt es ihnen vor, als würden sie dich schon viel zu gut kennen.“ Familiarity breeds contempt, heißt ein englisches Sprichwort: Zu große Vertrautheit führt zu Geringschätzung. „Man verliert in diesem Geschäft seine Identität. Das Rockmusiker-Image ist weg. Ich bin kein Komiker. Ich bin kein Showmaster. Ich bin Musiker.“

Zwar hatte die Serie Erfog bei den Zuschauern, aber Michael behielt recht: „Ich erinnere mich, daß wir nach unserer TV-Show vor halbleeren Sälen spielten.“ Dabei fiel ihm zum erstenmal im Leben der Auftrittt schwer: Jermaine war nicht mehr da. Immer hatte er mit seiner Baßgitarre links hinter ihm gestanden. „Ich war davon abhängig.“ Auf einmal fühlt sich Michael „auf der Bühne nackt.“ Und die Plattenverkäufe gingen nach der Serie wirklich zurück: „Es dauerte ein Weile, bis wir uns von diesem Rückschlag erholt hatten.“

Stilistisch brachte der Wechsel zum Philly Sound eine weitere Betonung des „weißen“ Elements, der melodischen Linie: Gamble und Huff  „brachten mich dahin, der Melodie mehr Aufmerksamkeit zu widmen.“ Daher ist jetzt die Orchestrierung nicht mehr „so bombastisch und überladen, wie es bei Motown der Fall gewesen wäre“. Das erste Album bei Epic erscheint im November '76 unter dem einfachen Titel The Jacksons. Es enthält die ersten selbstgemachten Songs der Jackson-Brüder: Blues Away von Michael und Style Of Life von Tito. Doch was Besonderes ist das nicht. Es ist Musik im Zug der Zeit. Und der heißt 1976: Disco. Die Jacksons kämpfen ums „berleben. Das sind keine brandneuen Enthusiasten, die von einer musikalischen Idee besessen sind. Hier ist eine am Markt etablierte Gruppe, die gegen den Abstieg kämpft. Das heißt, um Anschluß an den Trend.

Gibt es einen Titel, der charakteristisch wäre für die Disco-Ära? Man sucht vergeblich. Die erfolgreichste Platte dieser Zeit war bezeichnenderweise der Soundtrack zu einem Tanzfilm: Saturday Night Fever (von den BeeGees). Typisch für diese Musik sind die glatten Melodien, an denen das Ohr gleichsam ab- und ausrutscht; und zwar über einem einfältigen Beat, zu dem jedermann und jedefrau, ob begabt oder nicht, stundenlang soll abtanzen können, ohne hinhören zu müssen. Es ist Unterhaltungsmusik im strengsten Sinn des Wortes. Man erkennt es schon an den Titeln. So finden sich auf The Jacksons zum Beispiel: Enjoy Yourself; Think Happy; Good Times und Keep On Dancing...

In der Geschichte der Unterhaltungsmusik beobachtet man ein zyklisches Hin und Her von ‚schwarzem‘ und ‚weißem‘ Prinzip. Was Erfolg hat auf dem Unterhaltungsmarkt, darüber entscheiden letzten Endes nicht die Lautsprecherboxen und Kopfhörer, sondern die Tanzböden (auf Deutsch dancefloors). Es muß nicht jedes Stück tanzbar sein. Aber am Markt halten sich auf die Dauer nur jene, die den Dancefloor bedienen. Darum hatte ja die „schwarze“ Musik ins weiße Unterhaltungsgeschäft einbrechen können: wegen der rhythmischen Überlegenheit des R&B über den Singsang der Tin Pan Alley - jener New-Yorker Straße, wo die meisten Musikverlage saßen. Der Musikgeschmack ändert sich in dem Maße, wie sich die Zusammensetzung des Tanzboden-Publikums ändert. So machten die weißen High-School-Kids aus dem R&B den Rock'n'Roll. Die schwarzen Musiker zogen sich bald zurück und hinterließen ihm die Gitarre und den Blues. Nach und nach ermüdete die wilde Rhythmik zu einem monotonen, wennauch lauten Beat. Die britische Popmusik der sechziger Jahre erlöste den Rock'n'Roll aus seinem Siechtum. Die stilprägende Musik der Beatles war aber, trotz ihrer Herkunft vom R&B, porentief weiß. Die Melodie, der Song, den sie wieder zu Ehren brachten, verdrängte den schwarzen funk völlig. Der schließlich überwuchernde Rückgriff auf den klassischen europäischen Orchesterklang machte den weißen Sieg perfekt. Doch die Beatles verschwanden über Nacht. Plötzlich war der Äther voll ABBA. Die Erneuerer des R&B, die Soul-Funker James Brown und Sly Stone, bekamen ihre Chance auf dem Markt. Die Jackson5 haben ihren Teil beigetragen.

Daß dann aus dem Soul über den Philly Sound der Disco-Stil entstand, geht wiederum auf die Veränderungen der Tanzböden zurück. Es handelt sich um die Ausbildung neuer Formen öffentlicher Geselligkeit nach der kulturellen Gärung um das Jahr 1968. Seit es die Music Box gab, wurde in Bars und Cafés immer wieder auch zu Konservenmusik getanzt. Nicht immer war ja eine Live-Band zur Stelle. Aber daß riesige Säle, wahre Tanzpaläste extra zu dem Zweck eingerichtet wurden, daß Hunderte, vielleicht Tausende nach Plattenmusik tanzten, und womöglich die ganze Nacht durch, das war neu. Die ersten Diskotheken waren denn auch im 68er-Frankreich entstanden. Eine treibende Kraft war dabei die Gay community, die sich erstmals an die Öffentlichkeit wagte und nach eigenen Gesellungsformen suchte. Ein Gutteil der Disco-Ästhetik stammt daher. Für diese Art Vergnügen brauchte man allerdings Verschleiß-Musik. Man wollte tanzen, nicht hinhören. „Diese Musik war sehr anspruchslos, nur Fetzen von allem möglichen, inklusive meiner Musik, einfach übernommen und grob vereinfacht, besonders der Rhythmus“, schreibt James Brown. „Die Plattenfirmen waren natürlich begeistert von Disco, denn das war eine Musik für Produzenten. Für Disco brauchte man keine Künstler.“ Doch vor allem war Disco blütenweiß! Ihr Talmi-Schick war nicht eben billig. Schwarze konnten sich Disco nicht leisten. Die Rhythmik verblaßte.

Die musikalische Katastrophe der Disco-Ära wirft ihre Schatten bis heute. Es war im Jahr 1975, als in Brooklyn junge Schwarze, denen die Disco zu teuer war, erstmals den Einfall hatten, auf der Straße zu den herausfordernd simplen Baßläufen der Disco-Musik improvisierte Texte zu deklamieren. Das war die Geburtsstunde des Rap. (Beim herkömmlichen „Sprechgesang“ kommen dagegen Rhythmus und Melodie aus der Sprache.) Eigentlich ist der Rap eher ein literarisches Phänomen. Auf breiter Front eignet sich der schwarze Bevölkerungsteil künstlerisch ein Medium an, das ihm „von Hause aus“ nie so recht zugestanden hatte - die englische Sprache. Daß nicht alles Poesie ist, was da zustandekommt, zumal seit der komisch fröhliche Rap der ersten Stunde vom ganz-wichtigen Gangsta-Rap dieser Tage verdrängt wurde; und daß mit seinem heiseren Geschimpf das zwischendurch weiß gewordene Selbstmitleid des Blues in die schwarzen Seelen zurückkehrt - das mag man beklagen. Doch der Sprache wird es nicht schaden. Der Musik aber hat der Rap schon geschadet. Denn wie dem halb-schwarzen Philly-Sound die ganz blasse Disco-Musik, so folgte dem halbschwarzen Rap die urgermanische Techno-Welle als wohlverdiente Strafe auf dem Fuß.

Doch wir greifen vor.